Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.08.08, Pfarrer Jönk Schnitzius

Raum geben

Vor fast hundert Jahren dichtete Christian Morgenstern:

"Alles fügt sich und erfüllt sich
mußt es nur erwarten können
und 
dem Werden deines Glückes
Raum und Felder
Reichlich gönnen
Bis du jenen reifen Duft der Körner spürest
Und dich aufmachst
Und die Ernte in die tiefen Speicher führest.“

Mir hilft diese Hoffnung. Dass sich alles erfüllt. Na ja. Was heißt alles. Ich mein´ natürlich die Sache mit dem Glück. Dem Lebensglück. Ich weiß. Es gibt: Ratgeber, Weisheiten, Sprüche. Und es gibt: Überzeugungen. Von: als Kind Gottes bin ich geschaffen für alles Glück der Erde – bis: das Glück ist nicht für mich gemacht: steht mir also quasi erst gar nicht zu.

Manche meinen: man muss sich nur immer feste anstrengen – wobei auch immer – Hauptsache nur irgendwie mit dabei sein – am Besten natürlich gleich vorne. Und schon klappt das mit dem Glück und Glücklichsein. Wenn´s denn dann geklappt hat – ich meine das, wovon man sich Glück erhofft, - wirkt es oft ein wenig angestrengt: das Glücklichsein.

Was mir an dem alten Morgenstern Gedicht zu denken gibt, ist die Sache mit dem: du „mußt es nur erwarten können und dem Werden deines Glückes Raum und Felder reichlich gönnen.“  In Zeiten von „ich will alles und das sofort“ ist es etwas besonderes, daran erinnert zu werden, dass etwas „werden“ kann, sich entwickeln muß. Mehr noch, dass ich dieser Entwicklung Zeit und Raum, Platz in meinem Leben gönnen muß.

Gönnen können und Glück erleben, liegen da dicht nebeneinander. Und wenn bei allem warten und gönnen, sich das eigene Glück nicht entwickelt? Wenn sich eben nicht alles – wie Christian Morgenstern sagt – fügt und erfüllt?

Ich weiß es nicht. Keine Rezepte an dieser Stelle. Ich glaube aber, dass es so etwas  wie „aktive Geduld“ hilft. Alles zu tun, was in meiner Macht steht, in meinem Händen liegt, um ein Leben zu führen mit dem ich glücklich bin, wenn auch nicht andauernd; Und danach die Hände zu öffnen und Gott zu sagen: Dein Wille geschehe.

Es könnte ja sein, dass das Glück darin besteht, das Unveränderliche in meinem Leben zu akzeptieren und dankbar darüber zu staunen, welche Glückswunder sich noch entwickeln. Bei Christian Morgenstern hieß das so:

„Alles fügt sich und erfüllt sich
mußt es nur erwarten können
und
dem Werden deines Glückes
Raum und Felder
Reichlich gönnen
Bis du jenen reifen Duft der Körner spürest
Und dich aufmachst
Und die Ernte in die tiefen Speicher führest.“

Audiobeitrag Raum geben


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