Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.08.08, Präses Alfred Buß

Segnende Hände

Zwei Hände haben wir und an jeder Hand fünf Finger, liebe Hörerin und lieber Hörer. Hände sind ein faszinierendes Wunder der Schöpfung.

Kein Roboter, kein mit hohem technischen Aufwand entwickelter Ersatz reicht an das heran, was die menschliche Hand kann. Siebenundzwanzig Knöchelchen und dreiunddreißig Muskeln machen sie höchst flexibel und beweglich; Nerven mit unzähligen Verästelungen und ungefähr siebzehntausend Fühlkörperchen lassen sie empfindsam und feinfühlig sein. Unsere Hände lügen nicht. Jeder Fingerabdruck ist einmalig, ein unverwechselbares Zeichen für die Identität eines Menschen. Und die Schwielen oder die weiche, glatte Haut, die Flecken und der Zustand der Fingernägel, die Narben und die Adern erzählen die unterschiedlichsten Lebensgeschichten.

Unsere Hände lassen uns handeln - im wahrsten Sinne des Wortes. Mit unseren Händen gestalten wir, können wir greifen und begreifen, aufbauen und pflanzen, aber auch ausreißen und zerstören, ja auch töten. Was unsere Hände jeweils tun oder lassen, das verrät viel über unseren Gemütszustand - sprichwörtlich: Wir können die Hände in den Schoß legen, sie über dem Kopf zusammenschlagen oder einander die Hände reichen. Wenn einer seine Hand auf etwas legt und sie draufhält, dann meldet er einen mächtigen Besitzanspruch an und will etwas in die Hand bekommen. Wer aber die Hand über jemanden hält, der will schützen und bewahren. Die Hand auflegen, sie über einen Menschen halten – das gilt in vielen Kulturen als Geste des Segens, als Weitergabe der Kraft, die wir nicht aus uns selbst haben. Auch Jesus legt Menschen die Hände auf:

Sprecher: „Als die Sonne untergegangen war, brachten alle ihre Kranken mit mancherlei Leiden zu ihm. Und Jesus legte die Hände auf einen jeden und machte sie gesund.“

Er wendet sich den Menschen ganz zu, mit offenen, schützenden Händen, verbirgt dabei nichts in der Faust. Seine Hände segnen. Den Kranken wird die Lebenskraft Gottes, in Wort und Geste, in Blick und Berührung zugesagt. Gott hält die Hand über uns. Über dich. Über seine Welt. Solcher Segen erreicht nicht nur den Leib, sondern auch die Seele. Das versteht jedes Kind. Ich sehe die aufmerksamen Gesichter und wachen Augen der I-Dötze noch vor mir, als Ihnen die Hände aufgelegt wurden im Schulanfängergottesdienst: „Gott segne und behüte dich...“ Solcher Segen wirkt im Alltag weiter: Wer zärtlich gestreichelt wird, fühlt sich auch in der Seele getröstet. Wer gegen den Schmerz die lindernde Kraft heilender Hände spürt, erfährt Geborgenheit. Wer die Hand eines sterbenden Menschen gehalten hat, vergißt diesen Händedruck nicht mehr auf seinem weiteren Lebensweg. Hände geben Geborgenheit, Hände brauchen viel Zärtlichkeit, Hände haben Muskeln, Hände sind furchtbar stark... Hände sind so verletzlich, Hände sind einfach unersetzlich. Solche Hände wünsche ich Ihnen. Hände sollen Sie segnen - und Ihre Hände sollen selber zum Segen werden. Heute. Und morgen und an jedem Tag dieser Woche will ich mit Ihnen an den Fingern abzählen, was die uns zu sagen haben über sich und über uns und über Gott und seine Welt.

Audiobeitrag Segnende Hände


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