Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.08.08, Präses Alfred Buß

Gott hält nicht den Daumen drauf

Daumen gedrückt habe ich schon oft. Natürlich weiß ich, dass Daumendrücken ein wirkungsloser Zauber ist. Aber es hilft meiner Konzentration.

So ähnlich wie der Knoten im Taschentuch meinem Erinnerungsvermögen aufhilft. Aber Daumendrücken ist pfiffiger. Weil ich mit gedrückten Daumen eigentlich nichts anderes mehr tun kann. Mir sind quasi die Hände gebunden. Und gedrückte Daumen lassen mich in Gedanken ganz bei dem Menschen sein, dem ich die Daumen drücke. Meine eigenen Angelegenheiten geraten für diesen Moment in den Hintergrund. Und für`s Daumendrücken verwende ich tatsächlich einen nicht unerheblichen Anteil meines Hirns. Er braucht mehr Hirnareal als jeder andere Finger. Denn der Daumen kann richtig was. Oder besser: Der Mensch mit ihm. Dieser kurze, dicke, zweigliedrige Finger stellt sich den anderen vier gegenüber. Er verbindet uns bei den Tieren mit den Primaten. Und er unterscheidet uns von den meisten anderen Lebewesen. Ein echtes Privileg. Etwas Besonderes. Ein Vorzug also.

Wenn ich Däumchen drehe, dann ist mir entweder langweilig oder ich bin faul, ich tue nichts, nichts Konstruktives jedenfalls. Ist der Daumen beschäftigt – mit Drücken oder Drehen – hat anderes wenig Raum. Worauf ich meinen Daumen halte, das bleibt mir. Das kriegt kein anderer. Der nach oben oder nach unten gerichtete Daumen entscheidet über das Schicksal eines Menschen. Er demonstriert Macht. Der Daumen kann was. Er ist stark. Er kann niederdrücken, heilsamen Druck ausüben, kann auch etwas zusammenhalten. Von Gottes Daumen ist in der Bibel niemals die Rede. Von seiner Hand, ja. Von seinen Fingern, aber nicht von seinem Daumen. Gott hält nicht den Daumen drauf, hält nicht eifersüchtig fest an dem, was ihm gehört. Im Gegenteil. Wir leben jeden Tag von dem, was er uns schenkt. Gott senkt oder hebt auch nicht den Daumen. Manchmal wünschte ich, es wäre anders. Manchmal sollte er doch heilsam eingreifen in das Ränkespiel der Weltgeschichte mit dieser kleinen Geste seines Daumens.

Sprecher: „Du lieber Gott, komm doch mal runter und sieh dir die Bescherung selber an.
Du lieber Gott, komm doch mal runter. Ich schwör dir, dass man hier verzweifeln kann.“

Das hat Stefan Sulke vor Jahren gesungen. Gott weiß, dass man hier verzweifeln kann. Er selbst ist fast verzweifelt an seiner Menschheit. Aber er hat sie nicht sich selbst überlassen. Er ist runtergekommen. In Jesus Christus. Verzweifelte hat er ins Leben zurück geholt. Den Kindern hat er die Daumen gedrückt. Erniedrigten wieder Würde gegeben. Der Daumen Christi war aufgerichtet- in der ermunternden Geste zum Leben. Im unbeirrbaren Vertrauen auf Gott. Den Mächtigen aber war er ein Dorn im Auge. Gott ganz unten - das duldeten sie nicht. Gott hatte ganz oben zu sein. So senkten sie den Daumen über ihn. Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben... Gott selber ist dahin gegangen, wohin jeder von uns gehen muss, woher aber keiner mehr kommen kann. Auch im Tod ist Gott schon da. Damit keiner den Daumen über uns mehr senken kann. Und der Tod uns nicht unter den Daumen nimmt. Wir können nicht tiefer fallen als in die Hand Gottes.

Audiobeitrag Gott hält nicht den Daumen drauf


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