Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.08.08, Präses Alfred Buß

Ist das nicht ein Fingerzeig?

Fünf Finger hat die Hand. Von ihnen ist der Zeigefinger der Aktivste. Der kann aufzeigen, hinweisen und anweisen,

von sich weg auf andere zeigen und sich auch selber präsentieren. Der Zeigefinger zeigt sich gern. Und kreist fix um sich selbst. Dabei vergisst er, dass er sich nur zeigen kann, weil ein anderer seine Finger im Spiel hat:

Sprecher: Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

Der Schöpfer hat seine Finger im Weltenspiel. Immer. Himmel, Mond und Sterne... Ohne den Schöpfer wäre nichts von dem da, was ist. In der Sixtinischen Kapelle bringt uns Michelangelo die ganz besondere Beziehung zwischen Gott und Mensch zum Greifen nah: Mit seinem rechten Zeigefinger weist Gott auf den Menschen, rührt den linken Zeigefinger Adams an und flösst ihm so Leben ein. Da, wo hunderte von Sinneszellen die zarteste Berührung wahrnehmen, tupft Gott den Menschen leise an und schenkt ihm seine Lebenskraft.

Sprecher: Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.

Gott und Mensch. Du und Ich. Zärtliche Berührung und inniges Miteinander. Bald allerdings gestört. Der Mensch, Adam kehrt sich ab von Gott. Der Mensch, Kain, erhebt die Hand gegen den Menschen Abel. Abgründe tun sich auf, es kommt zu brutaler Gewalt im Brudermord. Und doch behält Gott seine Finger im Spiel.

Sprecher: Der Herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.

Gottes Finger malt das Zeichen auf Kains Stirn. Wieder – trotz allem – die zärtliche Berührung, der Schutz Gottes. Der Finger Gottes weist auf den Menschen. Auch der schuldig gewordene Mensch behält seine Würde. Aber der Mensch kreist um sich selbst. Lebt selbstbezogen, verliert das Du – und damit auch das Ich. Gern zeigt sein Zeigefinger von sich weg auf andere. Zum Beispiel, wenn es um Verantwortung geht oder Schuld. Und übersieht, dass drei Finger auf ihn selbst zurückweisen, wenn der Zeigefinger sich auf andere richtet. Diesen Menschen lässt Gott nicht los. Bleibt sein zuverlässiges Du. Berührt ihn. Wirbt um ihn mit seiner Liebe.

Sprecher: Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,
ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
Dass das Leben nicht verging, soviel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.
Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt,
bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt.

Der Mandelzweig als Fingerzeig. Der jüdische Theologe Schalom Ben Chorin hat dieses Bild geprägt. Der Mandelzweig als Fingerzeig Gottes. Aber Fingerzeig Gottes bleibt immer auch der Mensch, weil Gott ihn nicht aus seinen Fingern lässt.

Audiobeitrag Ist das nicht ein Fingerzeig?


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