Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.08.08, Präses Alfred Buß

Der Ring am Finger

Der Ring am Finger einer Hand signalisiert: da gehören zwei Menschen zusammen; sie halten einander die Treue und sind aneinander gewiesen.

Zwei ineinander verschlungene Ringe sind ein treffendes Symbol für solche Gemeinschaft: die Schnittmenge der Ringe darf weder verschwindend klein sein noch darf sie alles umfassen.

Es ist wohl auch kein Zufall, dass genau dieser Finger den Ring trägt, denn: der Ringfinger tut nur wenig allein, meist ist er zusammen mit seinen Nachbarn aktiv. Der Ringfinger steht also – anders als etwa Zeigefinger oder Daumen – nicht so sehr für Eigenständigkeit oder Individualität. Wenn er aber soll und wenn er muss, dann kann auch er: nicht nur über die Computertastatur fliegen, sondern auch ganz virtuos die Klaviertasten anschlagen und die Saiten erklingen lassen – wie seine Mitstreiter. Er macht mit. Er spielt seine Rolle. Weniger exponiert als manch andere, aber wenn er fehlt, ja dann... Er ist eines der weniger vorwitzigen Glieder des Leibes. Von denen schrieb der Apostel Paulus in einem Brief:

Sprecher: Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl es viele sind, einen Leib bilden, so auch Christus... Wenn der Fuss sagt: Weil ich nicht Hand bin, gehöre ich nicht zum Leib, gehört er nicht dennoch zum Leib?... Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht, auch nicht der Kopf zu den Füssen: Ich brauche euch nicht. Vielmehr sind eben jene Glieder des Leibes, die als besonders schwach gelten, umso wichtiger... Gott jedoch hat unseren Leib so zusammengefügt, dass er dem, was benachteiligt ist, besondere Ehre zukommen liess, damit es im Leib nicht zu einem Zwiespalt komme, sondern die Glieder in gleicher Weise füreinander besorgt seien. Leidet nun ein Glied, so leiden alle Glieder mit, und wird ein Glied gewürdigt, so freuen sich alle Glieder mit. Ihr seid der Leib des Christus, als einzelne aber Glieder. (1. Korinther 12, 12.15.21-22.24b-27)

Das Zusammenspiel der Glieder ist`s, das das Gesamtprojekt gelingen lässt; die Rollensicherheit ist`s, die gemeinsam zum Ziel führt. Und: der Respekt ist`s, der uns eins sein lässt. Der Respekt gegenüber dem Haupt sicher als erstes, Respekt Gott gegenüber. Aber daraus folgt der Respekt gegenüber den anderen: Gott jedoch hat unseren Leib so zusammengefügt, dass er dem, was benachteiligt ist, besondere Ehre zukommen ließ...

Den Benachteiligten besondere Ehre! Glieder, die besonders schwach sind, sind umso wichtiger. Wir brauchen Respekt und Klarheit darüber, wer welche Aufgabe und welche Verantwortung hat und wahrnimmt. Keiner darf verloren gehen! Weder in der Kirche noch in der Gesellschaft. Alle sind wichtig und werden gebraucht! Und Verbindlichkeit tut uns not. Verbindlichkeit, wie sie der Ring am Finger signalisiert. Dann können Träume wahr werden. „Wenn einer alleine träumt, bleibt es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, so ist das der Beginn einer neuen Wirklichkeit.“ Das sagte Dom Helder Camara, brasilianischer Bischof, der sich sein Leben lang für die Menschen am Rande, für die Elenden und Armen einsetzte. Leidet nun ein Glied, so leiden alle Glieder mit, und wird ein Glied gewürdigt, so freuen sich alle Glieder mit.

Audiobeitrag Der Ring am Finger


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