Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.08.08, Bettina von Clausewitz

Tango-Tanzen in Dortmunder Citykirche

Sehnsucht, Hingabe, Leid und Hoffnung, ungewohnte Gefühle werden wach beim abendlichen Tango-Gottesdienst in der Dortmunder City-Kirche St. Petri. „Tango ist ein trauriger

Gedanke, der getanzt werden will“, heißt es. Er kann Lebenslust oder Klagelied sein, wie Tanzen überhaupt. Die Prophetin Miriam etwa, im Alten Testament, feierte  tanzend und singend die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei. Es ist fast in Vergessenheit geraten, aber in der Bibel ist das Tanzen eine der ältesten Gebetsformen. In Psalm 30 etwa steht:
Sprecher: „Du hast meine Klage in einen Tanz verwandelt, mein Trauergewand hast du geöffnet, mich mit Freude umgürtet.“
O-Ton: Ich hab es vor allem geprägt durch Erfahrungen in Südamerika erlebt, dass der Glauben sich durchaus körperlich ausdrücken darf und kann, und dass das eine Befreiung ist. Für mich erlebe ich es oft, wenn ich Tango tanzen ging, dass ich dachte: Die machen hier das, was ich sonst in der Kirche erlebe, aber über den Kopf. Und da erlebe ich es direkt!   
Autorin: Tanzen als Befreiung und Ausdruck des Glaubens. Für Monika Hirsch-Reinshagen muss Beten nicht mit gesenktem Kopf und gefalteten Händen einhergehen. Die temperamentvolle zierliche Frau mit den kurzen schwarzen Haaren ist Pfarrerin, Tänzerin und Tangolehrerin. Eng an ihren Partner geschmiegt tanzt sie mitten im Gottesdienst andächtig im Stuhlkreis der Gottesdienstbesucher zu den Klängen des Akkordeons - alte religiöse Rituale werden so neu entdeckt.
O – Ton: Es ist einfach ein Öffnen der Türen und Tore. Und das finde ich so schön, dass Menschen sich trauen in eine Kirche zu gehen und sich hier zu bewegen. Und in der schönsten Form für sie. Und nicht diese Unsicherheit, die es oft in Kirchenräumen gibt: Was darf ich hier, was darf ich nicht. Was muss ich, was muss ich lassen, die fällt weg. 
Autorin: „Tango in St. Petri“, in der experimentierfreudigen Dortmunder Innenstadtkirche, das ist innerhalb kurzer Zeit in kirchlichen Kreisen, aber auch in der Tango-Szene zum Markenzeichen geworden. Manche kommen gezielt zum Gottesdienst, andere erst später, nur um in der stimmungsvollen gotischen Hallenkirche mit dem Gold schimmernden Flügelaltar zu tanzen. Auch die Suche nach dem „Flow“, dem „heiligen Moment“ spielt dabei ein Rolle, erzählt eine Besucherin, die sonst nicht zur Kirche geht: “
O- Ton: Ich find schon einerseits in der Kirche Tango zu tanzen, das ist viel Spiritualität eben, und – Krafträume, einfach Kraft tanken.  Und was für mich ein weiterer Aspekt ist:  einfach Kirche auch neu erleben. Also ich denke, viele junge Leute, die kommen auch nicht mehr in die Kirche, weil es einfach ein starres System ist. Und das ist eine ganz andere  Art, Kirche auch noch mal kennen zu lernen und Gebet, Gott ... Und deswegen finde ich das einfach sehr schön, dass das hier mit dem Tango einmal auch mal so praktiziert wird.


Musik: Akkordeon, Live Mitschnitt


Sprecher: „Du hast meine Klage in einen Tanz verwandelt,
mein Trauergewand hast du geöffnet, mich mit Freude umgürtet.“

Autorin: So kann der Tango einen Weg für neue religiöse Erfahrungen bahnen und das Tanzen mancher leblosen Kirche neues Leben einhauchen. Tanz und Theologie können sich gegenseitig inspirieren. Das wusste übrigens auch schon der alte Kirchenvater Augustin, lange bevor es den Tango gab. Vermutlich mit einem Augenzwinkern soll er gesagt haben: „Mensch lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen.“

Infos: www.st-petri-dortmund.de

Audiobeitrag Tango-Tanzen in Dortmunder Citykirche


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