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Blind - die Schriftstellerin Susanne Krahe
O-Ton: Man begegnet als blinder Mensch, wenn man dann sagt, was man macht, oft Erstaunen - also ich bin oft auf Erstaunen gestoßen, wenn ich dann sagte: Ja, ich bin
Schriftstellerin. Weil sich die Menschen das nicht vorstellen können. Und diese Welt, die ja gar keine andere ist, ist großartig, nur dass man sie eben nicht sieht, aber die Welt ist ja doch dieselbe, da versuche ich dann oft reinzuführen, indem ich auch oft schreibe über Blindheit. Autorin: In Büchern, Vorträgen und Hörfunksendungen versucht Susanne Krahe ihren sehenden Mitmenschen die Augen zu öffnen unter anderem für die Welt der Behinderten, die sie selbst erst mit 30 betreten hat. Als sie wegen Diabetes innerhalb von drei Monaten erblindete. Damals war die heute 47-jährige Theologin aus Unna auf dem Weg zu einer wissenschaftlichen Karriere an der Universität Münster. Quälende Zweifel und Zorn machten sich breit, sie attackierte Gott mit der Warum-Frage und kam zu einem ungewöhnlichen Ergebnis:
O-Ton: Warum ich eigentlich nicht? Wie vielen Menschen passiert Unerfreuliches oder auch Schreckliches, warum sollte mir das nicht passieren? Also ich finde, das muss man umdrehen! Man kann höchstens fragen, welches Glück habe ich denn gehabt, wenn mir was nicht passiert? Das tun die Leute komischerweise nicht, das finden sie nie ungerecht, wenn sie Glück haben! Ganz unberechtigterweise.
Autorin: Ein typischer Satz für Susanne Krahe, die gut gelaunt in ihrer geräumigen Dachwohnung voller Bücherregale vor mir sitzt. Im roten Pullover, mit moderner Designerbrille, die das fein geschnittene Gesicht beherrscht. Nebenan in der Küche werkelt eine Haushälterin, denn medizinisch gilt Susanne Krahe als schwerpflegebedürftig. Ihrem wachen Geist jedoch, ihrer Neugier und Scharfsichtigkeit tut das keinen Abbruch. Sie fügt sich nicht stillschweigend in ihr Schicksal, ebenso wie die Hauptfigur aus ihrem Hörspiel Lisabetha:
O-Ton: Ja, das hätten sie gerne, dass man apathisch würde!!! Die Jungen hoffen darauf. Sie hoffen, dass die Todesangst mit den Jahren nachlässt. Und sie hoffen es für sich selbst und ihre panischen Träume. Aber der Schrecken nimmt nicht eine einzige Gradzahl ab, nur weil er näher kommt! Mit 50 ist er da, mit 60 ist er noch immer da, mit 70, 80, 90 ist er erst recht da!
Autorin: Aber der Schrecken kann gebannt werden, wenn man ihm ins Auge blickt. Das tut die 94-jährige Lisabetha in Susanne Krahes prämiertem Hörspiel. Und das tut auch die Autorin selbst, beide finden sich nicht mit den Tabus und Vorurteilen eines Lebens im Abseits von Altenheimen, Intensivstationen oder Behinderteneinrichtungen ab. Stattdessen ermutigt Susanne Krahe ihre Mitmenschen, auch seelische Abgründe nicht zu fürchten, sondern sie zu durchschreiten. Das hat sie schließlich selbst oft genug getan.
O-Ton: Eins meiner letzten Bücher ist ja über die biblische Streitkultur und da gehts auch um den Streit mit Gott, und ich finde das sehr wichtig. Wir müssen klagen! Autorin: Klagen ja, aber dann geht das Leben weiter. Denn in allem Leid hat die Theologin auch Wunder erlebt: Sie hat die Schriftstellerei als Berufung entdeckt, der sie mit Hilfe moderner Computertechnik nachgehen kann. Und sie lebt seit 17 Jahren mit zwei gespendeten Organen, obwohl die Ärzte sie schon aufgegeben hatten. O-Ton: Das ist schon ein Wunder wieder (lacht). Ich weiß nicht, wie ich heute reden würde, wenn dieses Wunder in meinem Leben ausgeblieben wäre. Ich war davon dann sehr, sehr oder bin es auch noch sehr geprägt. Aber ich konnte dadurch noch mal ganz neu anfangen, das ist schon eine ganz eindrückliche Erfahrung für mich gewesen.
Weitere Infos zur Person und Literatur: www.susanne-krahe.de
Blind - die Schriftstellerin Susanne Krahe
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