Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.08.08, Bettina von Clausewitz

Anonym bestattet - Protest gegen den namenlosen Tod

„Bestattung von Amts wegen“, so heißt es im nüchternen Bürokratendeutsch, wenn jemand stirbt und weder Angehörige noch Freunde sich um die Beerdigung kümmern. In solchen

Fällen sorgt das Ordnungsamt für eine billige Beisetzung auf einem anonymen Gräberfeld, unauffindbar, als hätte dieser Mensch niemals gelebt. In einigen Großstädten hat diese Praxis mittlerweile die Kirchen auf den Plan gerufen, auch um das soziale Gewissen der Stadt wachzurütteln, meint der Essener Pfarrer Gerd Hohagen. Ihm widerstrebt:

O-Ton: „ dass ein Mensch, der geboren ist, einen Namen bekommen hat, ’ne Familie hatte, mit Hoffnungen und mit Freuden groß gezogen geworden ist, irgendwann verschwindet. Und wenn wir da über unsere Anzeige schreiben: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“, ist meine theologische Überzeugung, dass keiner durch die Roste fällt beim lieben Gott. „
             
Atmo:  Kirchenlied/Atmo aus Gottesdienst „Wohl denen, die da wandeln ....“

Autorin: Seit Anfang 2008 gibt es in Essen einen monatlichen „Gottesdienst für die Unbedachten der Stadt“, die ganz ohne Trauerfeier beerdigt wurden. Allein in Essen sind das pro Jahr etwa 300, in Köln rund 700, erzählt Gerd Hohagen. Er ist Mitinitiator eines neuen ökumenischen Arbeitskreises, der diese Gottesdienste entwickelt hat, 2008 zunächst in der evangelischen Citykirche, ab 2009 im katholischen Dom. Eine Initiative mit überraschend positiver Resonanz: Die Zeitungen veröffentlichen die große Todesanzeige mit der Einladung kostenlos, der Oberbürgermeister hat sie unterzeichnet - und die Kirche ist gut besucht.

O-Ton:  „Wir haben’s in der Zeitung gelesen und ich finde das wunderbar, also mir ging das gerade richtig an die Nieren. Also wenn ich mir vorstelle, dass jemand verscharrt wird und es keinen Gottesdienst gibt, das geht nicht!“

O-Ton:  Der Anlass war, dass wir einer Toten gedacht haben, die wir sehr gut gekannt haben, es war die Cousine meiner Frau, und die ist im Altenheim gestorben und wir konnten leider nichts für sie tun, weil wir erstens nicht zuständig waren und zweitens auch die Zeit nicht hatten.   

Atmo: Kirchenatmo; Lesung der Namen, leises Glockenläuten     
         
Autorin: Während die Namen der amtlich Bestatteten des letzten Monats feierlich verlesen werden, entzündet Krankenhausseelsorgerin Ruth Hermi Moeller für jeden ein Licht auf dem Altar und die Totenglocken läuten. Anschließend wird die Namensliste in einer Vitrine öffentlich ausgelegt und damit dem Vergessen entrissen. Vom christlichen Verständnis her ein für Generationen von Menschen tröstliches Ritual. Denn für Gott ist jeder Mensch einzigartig mit unverwechselbarer Lebensgeschichte und Würde. Auch wenn im Altenheim oder im Krankenhaus niemand mehr zu Besuch kam, wie Pfarrerin Ruth Hermi-Moeller es manchmal erlebt.       

O-Ton:„Ich denke, wir sind schon gehalten, uns an das Wort Jesu zu halten: Jjeder Mensch ist einmalig, hat seinen Namen, ist einzigartig und - dann kann ich das nicht dabei stehen lassen in der Predigt und in der Verkündigung, dann muss ich gucken, dass auf so etwas auch eine Tat folgt!        
Autorin: Eine „Tat“, die in Städten wie Essen, Köln oder Bochum positiv wahrgenommen wird. Denn der Gottesdienst für die Toten macht Gottes Liebe auch für die Lebenden spürbar. Eine Botschaft, die verändern will, meint der katholische Theologe Gerhard Belker:

O-Ton: „Wir hoffen, dass durch diese ökumenischen „Gedenkgottesdienste für die Unbedachten“ in unserer Stadt auch vielen eine Hilfe sind, vorweg einmal zu überlegen: Wie ist es denn mit meinen Nachbarn, in der Straße? Wir brauchen eine Kultur neuer Aufmerksamkeit und neuer Wegbegleitung untereinander.“

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