Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.08.08, Stephan Kiepe-Fahrenholz

Migrationshintergrund

Hakan Yildirim ist Türke, spricht verständlich aber gebrochen Deutsch, lebt seit dreißig Jahren hier und zahlt ebenso lange Steuern und Sozialversicherung. Thomas Habibi

spricht fließend Deutsch, hat zwei Pässe, ist Sohn einer Deutschen und eines ehemaligen Flüchtlings aus dem Libanon und hat soeben den Hauptschulabschluss versemmelt. Ruslana Zwetkova ist Deutsche, spricht kaum ein Wort Deutsch, kommt aus der Ukraine, hat dort Ingenieurin gelernt und arbeitet hier als Reinigungskraft auf 400-Euro-Basis.

Menschen wie diese bilden in einer Großstadt wie Duisburg laut Auskunft des Sozialberichts ein Drittel der Bevölkerung. Sie sind nicht alle Ausländer, weil viele die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Sie sind nicht alle Zuwanderer, weil viele hier geboren sind. Kein Etikett will so richtig passen. Deshalb haben wir Deutschen, ordnungsliebend wie wir sind, das schöne Wort Migrationshintergrund erfunden.

Als die Maler des Mittelalters den Hintergrund entdeckten, konnten sie die Perspektive besser darstellen. Bei uns ist die Perspektive im Zusammenleben von Menschen verschiedener Kulturen bis zum heutigen Tage verzerrt. Wer beherrscht die Schlagzeilen? Eine auf Ganze gesehen verschwindend kleine Minderheit von religiösen Fanatikern. Dazu kommt als Dauerthema Nummer zwei der hohe Anteil türkisch-stämmiger Jugendlicher, die keinen Schulabschluss haben. Ausbildungsplätze haben sie erst recht nicht. Und nicht zuletzt deshalb treten sie oft unverschämt, laut und gewaltbereit auf. Das alles macht natürlich Angst. Und Angst verhindert, dass man miteinander redet.

Dass eine politische Diskussion, die sich auf solche Phänomene beschränkt und im Zweifelsfalle nach Ausweisung ruft, zu nichts führt, liegt auf der Hand. Ein Kuschelkurs, auf dem man schon Ausländerfeindlichkeit wittert, wenn bloß eine Straftat bestraft wird, ist allerdings nicht minder integrationsfeindlich. Wir haben es geschafft, die faktischen Gegebenheiten einer Einwanderungsgesellschaft so zu verkomplizieren, dass offenbar nichts mehr geht.

Die Bibel macht es einfacher. Sie spricht, insbesondere in der Geschichte Israels, von den „Fremden in deinen Toren“. Ihre diesbezüglichen Vorschriften laufen darauf hinaus, dass es gewisse Grundregeln gibt, an die sich alle zu halten haben. Innerhalb dieser Regeln herrscht Gleichberechtigung. Ergebnis: Israeliten und Nicht-Israeliten können einander in vielen Dingen fremd bleiben, ohne Angst voreinander zu haben.

Von diesem schlichten Grundsatz wird in unseren Debatten über Migration und Integration viel zu wenig Gebrauch gemacht. Dabei ist es doch klar, dass Menschen aus Nordafrika auch in der zweiten und dritten Generation andere Werte haben als ein bayerischer Gymnasiallehrer – und dass sich eine deutsche Handwerkerfamilie mit bauchnabelfreier Tochter natürlich nicht die Ehrbegriffe aus Ostanatolien zu eigen macht. Wichtiger ist: Es gilt das Grundgesetz. Und die Amtssprache ist Deutsch. Innerhalb dieses Rahmens kann man durchaus verschiedene Sprachen sprechen, Stadtteile kulturell unterschiedlich prägen und ebenso gut Kopftuch wie Pushup-BHs tragen. Ist das erst mal von allen Seiten akzeptiert, verschwindet die Angst von selbst.

Audiobeitrag Migrationshintergrund


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