Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.08.08, Oberkirchenrätin Doris Damke

Sehnsucht nach wärmeren Gefilden

Hat es Sie in dieser nun endenden Ferienzeit auch in wärmere Gefilde gezogen, liebe Hörerinnen und Hörer?

Ferienzeit: Sie ist verbunden mit der Hoffnung auf schönes Wetter und sommerliche Temperaturen. Denn Wärme tut uns gut. Mit Polohemd und Sonnenbrille fühlen wir uns wohler als mit Wintermantel und Regenschirm.

Ich grüße Sie herzlich an diesem letzten Feriensonntag in Nordrhein-Westfalen. Ich bin Doris Damke aus Bielefeld und Mitglied der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche von Westfalen.

Der Sommer lässt nicht nur die Temperaturen klettern, er hebt meine Laune und treibt mich ins Freie, denn er verheißt manch luftigen Vormittag, sonnigen Nachmittag und lauen Abend. Was ich da nicht alles unternehmen kann... Waldwanderungen und Pättkestouren, Schwimmen im See, eine Schorle im Biergarten, langes Lesen im Freien, Grillen mit Freunden. Wärme schafft einfach ein anderes Lebensgefühl. Vermittelt so etwas wie die Leichtigkeit des Seins.

Das gilt auch im übertragenen Sinn. Wie oft greifen wir auch im Alltag auf Wärme- und Temperaturangaben zurück?! Wir sprechen von warmen Worten, mit denen wir empfangen werden, oder von frostiger Kälte im zwischenmenschlichen Konflikt. Wir reden von warmen und kalten Farben, von hitzigen Debatten und kühlem Kopf, vom Kalten Krieg und Heißen Herbst, auch von warmherzigen Beziehungen oder lauen Entscheidungen.

Ohne solche Temperaturangaben verlöre unser Reden an Anschaulichkeit. Wir beziehen sie auch auf das soziale und politische Klima. Einige sagen: Es wird frostiger. Andere sagen: Es wird angeheizt. Im Grunde meinen sie alle aber das Gleiche. Sie vermissen ein spürbares Maß an sozialer Wärme in unserer Gesellschaft. Eine Wärme, die vor allem dann zum Thema wird, wenn sie fehlt. Dann muss wirklich ein Ruck durchs Land gehen, wie die Politik nicht zu Unrecht immer wieder anmahnt.

Soziale Kälte macht das menschliche Miteinander ebenso schwierig wie aufgeheizter Fanatismus. Beide sind der Wurzelgrund von Konflikten. Sie zerstören Nachbarschaften und jede Möglichkeit der Integration. Die Folgen sind Lieblosigkeit und Gewalt.
Die Bibel hält dagegen. Sie will einen Wärmestrom freisetzen, der sich aus Gnade und Vergebung, Barmherzigkeit und Nächstenliebe speist.

Doch diese Worte sind in unserem Alltagssprachschatz etwas aus der Mode gekommen.
Sie scheinen antiquiert. Nicht mehr zeitgemäß. Und doch bergen sie in sich eine Wärme, nicht nur zur Sommerzeit. Wer ihre Wirkung spürt, der kann freier leben.

MUSIK

„Genießen Sie den Tag bei uns – er bringt Ihnen Wärme...“: Mit solchen Slogans werden wir heute in Urlaubsparadiese, in Freizeitoasen und künstliche Welten gelockt. Aber gibt es dort tatsächlich den Wärmestrom, nach dem wir uns sehnen? Den wir in unserem Leben, in unserem Alltag, in unserer kälter gewordenen Gesellschaft so dringend brauchen? Helfen derart flotte Sprüche wirklich, im Alltag den Wintermantel der Gefühle abzulegen? Und dem Nachbarn, der Arbeitskollegin, dem Lehrer, der Verkäuferin ein freundliches Lächeln zu schenken? Einfach mal so.

Denn in diese Alltagsrealität kehren wir ja aus dem Urlaub zurück. Da sind die, neben denen wir wohnen und die wir täglich sehen, wenn wir unseren Briefkasten leeren und den Müll raus bringen. Da sind die, denen wir beim Einkaufen begegnen und am Arbeitsplatz. Und da sind die, die als Eltern, Großeltern und Paten ebenso stolz die Kamera zücken wie wir, wenn die Kleinen an ihrem ersten Schultag mit ihrer bunten Schultüte freudestrahlend vor uns stehen. Die Sehnsucht nach wärmeren Gefilden, in denen die Alltagssorgen kleiner werden, ist nicht nur mit Urlaubsträumen und Ferienhoffnungen verbunden. Für viele beginnt sie bereits vor der eigenen Haustür. Mitten in unserer Gesellschaft.

Ich bin für den diakonischen Dienst unserer Kirche mitverantwortlich. Täglich höre ich von Kindergärten mit Kindern aus unterschiedlichsten sozialen Milieus und den damit verbundenen Herausforderungen. Von Pflegediensten, Altenheimen und Krankenhäusern, in denen die dort Arbeitenden nicht mehr wissen, wie sie den Menschen, die dort auf Versorgung ebenso wie auf Fürsorge warten, gerecht werden sollen. Und von denen, die sich bei den Tafeln dafür einsetzen, dass sozial Schwache wenigstens eine warme Mahlzeit erhalten. Ist es kälter geworden unter uns?

In der Bibel finden wir ein ausgesprochenes Interesse an Geschichten und Gleichnisse, die auf dem existenziellen Thermometer Wärme- und Kältegrade anzeigen. Ganz am Anfang der Bibel schon wird eine Kältegeschichte erzählt: Kain tötet seinen Bruder Abel – aus Neid und Eifersucht. Da wird einem ganz kalt!

Ganz anders die Geschichte vom jungen Mann, der sich sein Erbe auszahlen lässt und seinem Elternhaus den Rücken kehrt. Soweit nichts Ungewöhnliches. Er verprasst das Geld mit vollen Händen, bis er ganz unten in der Gosse landet. Was jetzt? Zurück in sein Elternhaus will er nicht. Er hat Angst vor den väterlichen Vorwürfen. Doch so kann es auch nicht weitergehen. „Und wenn ich um Vergebung bitte, weil ich so viel falsch gemacht habe? Vielleicht kann ich ja, wenn auch nicht mehr als Sohn, so doch als Arbeiter zu meinem Vater zurückkehren?“ Gesagt, getan. Als ein verlorener Sohn kehrt er nach etlichen Irrwegen nach Hause zurück. Er wird dort mit offenen Armen empfangen. Kein Vorwurf, keine Schelte. Nur große Freude. Da wird einem ganz warm ums Herz. So ist Gott, sagt die Bibel. Gnade und Vergebung lassen uns neu leben. Barmherzigkeit und Nächstenliebe eröffnen immer wieder einen Anfang.

MUSIK

Gleichwohl. Warm und kalt, Hitze und Frost - in der biblischen Überlieferung kommen sie eher selten vor. Nur die Weisheit im Buch der Sprüche gibt zu bedenken: (Spr 29,22)

Sprecher: Ein zorniger Mann richtet Streit an, und ein Hitzkopf tut viel Sünde.

Sind dann abgekühlte Gemüter im Urteil der Bibel besser dran? Und  Aus dem Buch der Offenbarung erfahren wir immerhin, dass die Lauwarmen auch nicht gut wegkommen. So wird der Gemeinde in Laodizäa von dem Seher Johannes in dem Buch der Offenbarung geschrieben (3, 15,16):

Sprecher: „Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.“

Darüber hinaus gibt es in der Tradition der Bibel Worte, die zwar keinen direkten, aber einen indirekten Bezug zu warm und kalt haben. Sie beziehen sich auf das sprichwörtlich gewordene kalte, weil versteinerte Herz eines Menschen. Für gefühlskalte Menschen, nein für ein frostig gewordenes Miteinanderleben verheißt Gott beim Propheten Jeremia (31,33 u.a.):

Sprecher: „Ich will ihnen ein anderes Herz und einen neuen Geist in sie geben und will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben.“

Und dieses fleischerne Herz ist ein warmes Herz. Es ist nach der Bibel nicht allein der Ort der Gefühle, sondern auch des Verstandes, der Vernunft. Es geht Gott also nicht nur darum, dass seine Menschen ein Herz für Mensch und Tier bekommen. Es geht ihm darum, seinen Menschen ein Herz zu geben, das seinen Geboten folgen will. Seinen Geboten der Gottes- und der Menschenliebe. Denn sie sind Grundlage für einen Wärmestrom, der nicht an Jahreszeiten gebunden ist, weil er sich aus den schönen Worten Gnade und Vergebung, Barmherzigkeit und Nächstenliebe speist. Aus Worten, die aus der Mode gekommen scheinen, etwas verstaubt klingen. Deren Inhalt, der unter der dünnen Staubschicht durchleuchtet, aber aufregend aktuell ist.

Denn Gnade ist etwas Wunderbares. Es gibt sie umsonst. Gratis. Sie fordert nichts. Keine Entscheidung und kein anderes Verhalten, keine Dankbarkeit. Gnade macht mir kein schlechtes Gewissen. Sie drängt nicht auf Optimismus. Gnade, das ist das Wort, das einfach etwas zusagt. Ein Versprechen gibt. Souverän und ruhig:
 
Sprecher: „Der Gott aller Gnade wird euch vollbereiten, stärken, kräftigen, gründen“,

so heißt es in einem Bibelwort. Gott wird Gnade geben. Das sollen wir wissen: Ob wir glauben oder zweifeln, ob wir hoffnungsvoll oder verzagt sind – Gott ist uns nah! Und er bleibt es auch. Auf diesen unverdienten Liebeserweis Gottes können wir uns verlassen. Denn sonst wäre Gnade nicht Gnade. Barmherzigkeit gehört auch dazu. Ein Herz, das Erbarmen zeigt, sieht den anderen wie er ist, lässt die andere in ihrer Eigenart und wendet sich dennoch ihnen zu. Mit Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit.

Es stimmt schon, liebe Hörerinnen und Hörer: In einer lebendigen Sprache sind auch Worte dem Wandel unterworfen. Es gibt warme und kalte Worte, gut temperierte, die uns den inneren Wintermantel ausziehen lassen, und solche, die sofort ein frostiges Klima schaffen, bis unter den Gefrierpunkt. Für mich bleiben die Worte, die mir die Bibel ans Herz legt, richtungsweisend und handlungsbestimmend. Denn sie bringen eine Wärme mit sich, in der Leben sich entfalten, Glauben wachsen und Mitmenschlichkeit gedeihen kann. Sie tragen und bestimmen mein Leben, weil die Sache nicht veraltet, die sie meinen.

Sprecher: „So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld“,

rät der Apostel Paulus in seinem Brief an die Kolosser. (Kol. 3,12)

Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld. Wenn diese Worte unter uns mit Leben gefüllt werden, dann können wir in sie eintauchen wie in einen Wärmestrom. Sie schaffen wärmere Gefilde, nicht nur im Sommer. Sie wirken nicht nur kälter werdenden Beziehungen entgegen. Sie können sogar eine frostige Gesellschaft zum Positiven verändern.

Wenn morgen für viele Kinder wieder die Schule beginnt, für etliche nach dem Urlaub das Arbeitsleben, für uns alle aber der so genannte Alltag, dann wünsche ich mir, liebe Hörerinnen und Hörer, dass Sie sich nicht sofort wieder zurücksehnen nach wärmeren Gefilden, sondern dass Sie – durch die Nachbarin, den Arbeitskollegen, der Frau an der Kasse im Supermarkt oder den Lehrer – auch der Wärmestrom erreicht, der mit  Worten und Haltungen verbunden ist, die uns die Bibel ans Herz legt: Gnade und Vergebung, Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Aus ihnen können Freundlichkeit, Sanftmut und Geduld wachsen. Und mit ihnen kann die Leichtigkeit des Seins auch außerhalb der Ferien- und Urlaubszeit spürbar werden. Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag und eine gute Woche unter der wärmenden Gnade Gottes. Am Mikrofon war Oberkirchenrätin Doris Damke aus Bielefeld.

 

Audiobeitrag Sehnsucht nach wärmeren Gefilden


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