Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.08.08, Mark Pollmeier

Der oder ich?

Vor ein paar Tagen war ich mit einem Freund im Auto unterwegs nach Berlin. Wochenende, die Autobahn natürlich total voll. Am Anfang kamen wir noch ganz gut voran.

Aber auf der A2 war dann irgendwann Feierabend: Ein Stau nach dem anderen.

So ’nen Stau finde ich immer ein bisschen heikel. Ich kuck dann ständig in den Rückspiegel, weil ich denke: Hoffentlich sieht der hinter mir, dass es nicht weitergeht. Man hört ja immer wieder mal, dass ein LKW in ein Stau-Ende gerast ist.

Als der Verkehr wieder stockt und meine Augen am Rückspiegel kleben, sagt mein Kumpel: „Was guckst du denn da ständig? Schau nach vorne, Mann!“
„Ich hab halt keine Lust, mich von jemandem rammen zu lassen, der von hinten angeflogen kommt“, erkläre ich ihm.
„Ah, toll“, sagt er, „und was willste machen, wenn da einer kommt?“
„Hm. Ich könnt’ ja rüberziehen auf die Standspur“, überlege ich laut.
„Super Idee“, meint er, „dann erwischt es den Wagen vor dir. Könnte zum Beispiel ’ne 5-köpfige Familie drinsitzen ... oder ein Nobelpreis- Träger ...“
„Und? Soll ich mich vielleicht opfern für den?“, falle ich ihm ins Wort.
„Tja ... gute Frage“, meint er. „Eigentlich sind ja alle Menschen gleich viel wert, oder? – Jedenfalls kannst du nicht einfach rüberziehen, das geht halt nicht.“
„Ich könnt’ ja vorher noch mal hupen“, witzele ich. So als Warnung.“ Aber richtig überzeugend findet er das auch nicht.

Wir haben noch eine ganze Weile rumgesponnen an dem Stau-Problem. Und sind natürlich zu keiner Lösung gekommen. Ich weiß seitdem nur eins: Ich möchte nie in die Situation kommen, so was entscheiden zu müssen.

Sprecher: Michael Birgden

Audiobeitrag Der oder ich?


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