Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.08.08, Pfarrer Klaus Jürgen Diehl

Die Zukunft verspielen für ein Linsengericht

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, in der Bibel finden sich auf Schritt und Tritt Geschichten randvoll an prallem Leben.

Manchmal fragt man sich, wo denn in diesen Geschichten mit all ihren menschlichen Irrungen und Wirrungen noch die Handschrift Gottes zu entdecken ist. Doch hält er die Fäden unsichtbar in seiner Hand, und am Ende findet die Geschichte zu dem ihr von Gott gesteckten Ziel.

Eine dieser biblischen Geschichten ist die Jakoberzählung im ersten Buch der Bibel, der Ge-nesis. Jakob und Esau – Zwillingsbrüder, die äußerlich und wesensmäßig unterschiedlicher nicht hätten sein können. Esau, der Ältere, ein Jäger, kräftig und robust, liebt das Leben draußen in der Natur. Jakob, der Jüngere, ein typischer Stubenhocker, macht sich nicht gern die Finger schmutzig. Während der Ältere zupackend und geradeheraus ist, ohne sich große Gedanken über sein weiteres Leben zu machen, ist der Jüngere intelligent und berechnend bis zur Verschlagenheit. Sein Name „Jakob“ bedeutet denn auch so viel wie „der Hinterlistige“. Während Esau der Liebling des Vaters ist, genießt Jakob seine Rolle als verwöhntes Muttersöhnchen. Damit sind die Familienrollen klar verteilt, und das Drama kann beginnen. Ein Drama, das sich bis heute in vielen Familien abspielt. Denn wenn Vater oder Mutter einseitig Partei für eins ihrer Kinder ergreifen, fühlen sich zugleich Bruder oder Schwester vernachlässigt und zurückgesetzt. Und wenn das dann noch durch Bemerkungen verstärkt wird wie „Dein Bruder ist eben Mamas Liebling. Er ist einfach begabter als Du!“ Dann entwickelt sich daraus oft eine verhängnisvolle Familiengeschichte. Jedenfalls war es damals so.

Doch noch sind wir in der Geschichte nicht so weit. Als eines Tages Esau hungrig und müde nach erfolgloser Jagd nachhause kommt, bittet er Jakob, ihm das zubereitete Linsengericht zu überlassen. Der sieht blitzartig die Chance zu einem für ihn äußerst vorteilhaften Kuhhandel. Schamlos schlägt er seinem Bruder vor: „Überlass mir dein Erstgeburtsrecht, - und ich gebe dir dafür den Linseneintopf!“ Was für ein lächerliches Tauschgeschäft! Jeder vernünftige Mensch müsste es belustigt oder empört zurückweisen: Für eine warme Mahlzeit auf das künftige väterliche Erbe verzichten? Doch Esau zögert keinen Augenblick: Sein Magen knurrt: er greift zu dem dampfenden Essen, schlingt es hinunter und verschleudert dafür sein Erstgeburtsrecht.

Liebe Hörerinnen und Hörer, das „Linsengericht“ ist ja längst sprichwörtlich geworden. Im übertragenen Sinn verstehen wir darunter eine momentan verlockende, in Wahrheit aber ge-ringfügige Gabe, die für ein sehr viel höherwertiges Gut eingetauscht wird. Offensichtlich kommt dieser abenteuerliche Tausch im wirklichen Leben häufiger vor als es zunächst den Anschein hat. Immer wieder setzen Menschen um eines momentan erzielten Vorteils willen ihr künftiges Glück aufs Spiel. So müssen wir uns heute als Wohlstandsgesellschaft ernsthaft die Frage stellen lassen, ob wir nicht für ein Linsengericht Gottes gute Schöpfung und die Zukunft unserer Kinder aufs Spiel setzen. Kurzsichtig allein aufs eigene materielle Wohlergehen erpicht sind wir dabei, das unseren Kindern zustehende Erbe einer gerechten und lebensfähigen Welt zu verschleudern. Die zähen Verhandlungen auf der politischen Bühne um den weltweiten Klimaschutz zeigen: Es mangelt uns immer noch an der notwendigen Bereitschaft, uns in unserer Lebensführung so einzuschränken, dass wir diese Welt kommenden Generationen in einem lebenswerten Zustand hinterlassen. Mich hat Esaus Linsengericht an die Weissagung der Cree-Indianer erinnert: „Erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fluss vergiftet und der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.“

Audiobeitrag Die Zukunft verspielen für ein Linsengericht


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen