Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.08.08, Pfarrer Klaus Jürgen Diehl

Der offene Himmel

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, die im ersten Buch der Bibel, der Genesis, überlieferte Jakoberzählung nimmt uns hinein in das Schicksal einer Familie,

das von gegensätzlichen Charakteren, konfliktreichen Beziehungen sowie Betrug und Hinterlist bestimmt wird. Dass Gott auch in der so spannungsreichen Geschichte dieser Familie Regie führt, bleibt unter dem Dickicht menschlicher Gemeinheiten zunächst verborgen. Da wird gelogen, betrogen und getrickst – und das vor allem von Jakob und seiner überaus ehrgeizigen Mutter Rebekka, die ihrem Lieblingssohn durch gezinktes Spiel den Erstgeburtssegen des Vaters sichert. Klar, dass Esau als Betrogener dies nicht auf sich sitzen lässt. Er sinnt auf Rache und will seinen Bruder umbringen. Rebekka erfährt von diesen Plänen ihres Ältesten und rät daraufhin Jakob, möglichst rasch ins Ausland zu ihrem Bruder Laban zu fliehen. Sie hofft, dass nach einigen Jahren Gras über die Sache gewachsen ist und Esaus Zorn sich gelegt hat. Eine bis in unsere Zeit vertraute Einschätzung, die jedoch meistens trügt. Denn über begangene Schuld wächst glücklicherweise selten das Gras des Vergessens. Es wäre auch schlimm für alle Opfer menschlicher Bosheit, wenn die Täter so billig davon kämen.

Jakob jedenfalls befolgt erst einmal den Rat seiner Mutter und macht sich aus dem Staub. Wird es ein Aufbruch ohne Wiederkehr? Welche Zukunft liegt vor ihm? Fragen über Fragen gehen Jakob durch den Kopf, als er sich auf der Flucht irgendwo zwischen Beerscheba und Haran auf freiem Feld schlafen legt – mit einem Stein als unbequemes Kopfkissen. In dieser Nacht träumt Jakob. In seinem Traum sieht er eine Leiter, die von der Erde bis an die Spitze des Himmels reicht. Auf dieser Leiter steigen die Engel Gottes herauf und herunter. An der Spitze der Leiter aber steht Gott und spricht ihn an: Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst und will dich wieder herbringen in das Land. Was für ein Versprechen! Und das gegenüber einem Betrüger, der es doch am allerwenigsten verdient hätte, dass Gott ihm seine Nähe und Fürsorge zusagt! Aber eben so ist Gott! Er schreibt auch auf krummen Linien gerade und macht seine Zuwendung nicht von unserem Wohlverhalten abhängig. Nicht weil Jakob listig vorgesorgt hat, steht ihm schließlich eine gute Zukunft bevor, sondern weil Gott ihn trotz seiner Betrügereien nicht fallen lässt und ihm mitten in seiner Unsicherheit und Angst einen Weg in die Zukunft eröffnet. Ein Weg, der ihm schließlich sogar den Rückweg in die Heimat und die spätere Versöhnung mit seinem Bruder ermöglichen wird.

Liebe Hörerinnen und Hörer, die Geschichte vom Traum Jakobs von der Himmelsleiter hat im Neuen Testament durch Jesus bleibende Aktualität gewonnen. Denn zu Beginn seines öffentlichen Wirkens erinnert Jesus an diesen Traum und verspricht seinen Jüngern: Ihr werdet den Himmel offen sehen, und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn. Mit dem Menschensohn meint Jesus hier sich selbst und gibt damit zu erkennen: Mit mir ist der Himmel auf die Erde gekommen und damit für euch alle in greifbare Nähe gerückt. Ihr müsst euer Leben nicht länger unter einem verschlossenen Himmel fristen. Ihr müsst euch nicht länger mit dem Tod als endgültigen Schlusspunkt eures Lebens abfinden. Nein, ich habe für euch die Tür zum Himmel weit aufgestoßen. Euch steht die ganze, durch nichts getrübte Herrlichkeit bei Gott offen. Wenn das kein Grund zum Aufatmen ist! Mit dieser Perspektive des offenen Himmels lassen sich selbst schmerzhafte Einschränkungen in unserem täglichen Leben gelassener ertragen. Auch an diesem Tag.

Audiobeitrag Der offene Himmel


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