Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.08.08, Pfarrer Klaus Jürgen Diehl

Das Leben in der Fremde

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, Jakob kommt auf der Flucht vor seinem Bruder Esau ins ferne Haran nach Mesopotamien.

Das Leben im Hause seines Onkels Laban ist alles andere als ein Zuckerschlecken. Doch die Aussicht, nach 7 Jahren harter Arbeit die jüngere Tochter Labans, Rahel, zur Frau zu bekommen, beflügelt Jakob. Schließlich hat die Zeit des Wartens ein Ende. Für das Brautpaar wird ein orientalisch üppiges Hochzeitsfest ausgerichtet. Doch dann geschieht etwas Unfassbares. In der Hochzeitsnacht wird dem vermutlich längst angeheiterten Jakob in seinem Zelt die falsche Braut untergeschoben: Anstelle der hübschen Rahel ist es deren ältere, hässliche Schwester Lea. Der neue Morgen bringt es an den Tag: in seinem Bett liegt eine andere. Dumm gelaufen! Diesmal ist Jakob der Betrogene – von seinem Schwiegervater hinters Licht geführt. Nun muss er nochmals 7 Jahre im Hause Labans schuften, um neben Lea auch die attraktive Rahel zur Frau zu kriegen.

Ist das nun die wohlverdiente Strafe für die eigenen Gemeinheiten, die Jakob seinem Bruder Esau angetan hat? Frei nach dem Motto: „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein?“ Doch die biblische Jakoberzählung zieht nirgends solche moralischen Schlussfolgerungen. Dafür berichtet sie ausdrücklich, dass Gott sich auf die Seite der ungeliebten Lea stellt. Nachdem sie zunächst keine Kinder bekommen kann, lässt Gott sie fruchtbar werden, so dass sie im Laufe der Jahre sechs Söhne und eine Tochter zur Welt bringt. Mit jeder Geburt erhält ihre Hoffnung neue Nahrung, dass ihr Mann Jakob bei ihr bleibt und auch sie lieb gewinnt wie ihre jüngere Schwester Rahel. Dieser bleibt selbst lange Jahre der Kindersegen verwehrt, bis auch sie einen Sohn zur Welt bringt. Doch lässt die Geschichte keinen Zweifel daran, dass das Familienleben durch die Konkurrenzsituation der beiden Schwestern belastet bleibt. Während Rahel lange ihrer älteren Schwester Lea den Kindersegen neidet, ist diese eifersüchtig auf die zärtliche Liebe, die zwischen Rahel und Jakob blüht.

Liebe Hörerinnen und Hörer, so wenig erbaulich diese alte Geschichte in unseren Ohren auch klingt, so können wir aus ihr doch eine Botschaft für unsere Zeit heraushören. Mitten in dieser so verwickelten Geschichte findet sich unversehens der Satz: Als aber Gott sah, dass Lea ungeliebt war, machte er sie fruchtbar. Gott ist in diesem Drunter und Drüber nicht außen vor, sondern bleibt als souverän Handelnder im Spiel. Als er die seelische Not der unattraktiven, ungeliebten und dazu noch unfruchtbaren Lea sieht, da beschert er ihr auf wunderbare Weise gleich mehrfaches Mutterglück. Für Lea werden die Kinder, die sie zur Welt bringt, zum Segen, denn sie bewahren sie vor erniedrigender Schmach und davor, dass ihr Mann sie verstößt. In unserer deutschen Sprache kennen wir das Wort „Kindersegen“. Wir bringen damit die Erfahrung zum Ausdruck, dass Kinder eine uns von Gott für eine bestimmte Zeit anvertraute Gabe sind; eine Gabe, die unser Leben reich macht und ihm Weite und Tiefe verleiht. Leider ist unsere Gesellschaft heute auf dem besten Wege, diesen inneren Zusammenhang aufzukündigen, und in der Geburt von Kindern nicht mehr eine unser Leben bereichernde Gabe Gottes zu sehen. Dass heute in Deutschland immer weniger Kinder geboren werden, hat auch darin einen Grund, dass Kinder von Erwachsenen zuallererst nicht als Geschenk und Segen, sondern als Last und Wohlstandsrisiko angesehen werden. Es ist an der Zeit, umzudenken, wenn unser Volk eine gute Zukunft haben soll.

Audiobeitrag Das Leben in der Fremde


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