Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.08.08, Pfarrer Klaus Jürgen Diehl

Der Kampf mit Gott

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,ein letztes Mal in dieser Woche möchte ich Ihnen von Jakob erzählen, einem der Stammväter des Volkes Israel.

Noch vor der lange ersehnten Versöhnung mit seinem Zwillingsbruder Esau, hat Jakob eine nächtliche Begegnung der besonderen Art. An einer Furt des Flüsschens Jabbok stellt sich ihm ein geheimnisvoller Mann in den Weg und verwickelt ihn in einen heftigen Ringkampf. Stundenlang zieht sich dieser Kampf hin, ohne dass ein eindeutiger Sieger feststände. Schließlich versetzt der geheimnisvolle Kämpfer Jakob einen heftigen Schlag auf die Hüfte, so dass er sich nur noch hinkend fortbewegen kann. Als sein Gegenüber sich endlich von ihm losreißen will, klammert sich Jakob umso entschlossener an ihn. Denn es ist ihm im Laufe des Kampfes immer deutlicher geworden, dass der sonderbare Fremde kein Geringerer als Gott selbst ist. Ja, Jakob ringt tatsächlich mit Gott! Und diesen Gott möchte er nun nicht mehr loslassen, ohne seines Segens gewiss zu sein. Darum wendet er sich mit letzter Entschlossenheit an ihn: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! Und tatsächlich: Das Unvorstellbare geschieht: Gott – in der Maske des geheimnisvollen Fremden – bricht sein Schweigen und lässt sich auf ein Gespräch mit Jakob ein. In diesem Gespräch bekommt er von Gott einen neuen Namen. Statt „Jakob“ zu deutsch: „Der Hinterlistige“, soll er künftig „Israel“ heißen, was so viel wie „Gottesstreiter“ bedeutet. Damit wird Jakob nicht länger auf die Schuldgeschichte seines bisherigen Lebens festgelegt Er erhält die Chance zu einem neuen Anfang. Und als Zugabe, gewährt Gott ihm den so wichtigen Segen für sein weiteres Leben. Einst meinte Jakob, sich diesen Segen hinterlistig vom blinden Vater erschleichen zu sollen. Jetzt kriegt er ihn gratis von Gott als Zeichen seiner unverdienten Gnade. Und doch verlässt Jakob in der aufgehenden Sonne des neuen Tages nicht als strahlender Sieger den Kampfplatz. Zwar ist er jetzt ein von Gott Geretteter und Beschenkter, doch als bleibendes Zeichen seines Ringens mit Gott wird er künftig hinken.

Liebe Hörerinnen und Hörer, uns aufgeklärten Menschen mutet diese Geschichte in vielem fremd und archaisch an. Gott: ein Ringkämpfer, der erst mit äußerstem Körpereinsatz einen Menschen niederringt, um ihn anschließend wieder aufzurichten und reich beschenkt in sein weiteres Leben zu entlassen?! Ein solches Bild ist selbst für Christen gewöhnungsbedürftig. Und doch steckt in dieser alten Geschichte ja eine tiefe Wahrheit. Denn diese Geschichte des nächtens mit einem Menschen ringenden Gott bedeutet den notwendigen Abschied von einer Gottesgemütlichkeit.  Eine Gottesgemütlichkeit, mit der manche Menschen sich in der Sicherheit wiegen, Gott lasse sie einfach wohlwollend in Ruhe. Doch Gott ist nicht immerzu der liebe Gott, der uns – unserem Wunsch entsprechend – einfach gewähren lässt und sich allenfalls auf unsere ausdrückliche Bitte hin in unserem Leben hilfreich zu Wort meldet. Nein, manchmal geht Gott auch sehr unbequem dazwischen und fordert uns zu einem schmerz-haften Ringen heraus. Etwa, wenn er uns unvorhergesehenes Leid zumutet oder uns spürbar die Grenzen unserer Kraft aufzeigt. In solchen Situationen räumen leider viele von Gott ent-täuscht das Feld. Statt mit ihm zu ringen und um seinen Segen zu kämpfen, beklagen sie sich dann plötzlich über den Gott, der sie angeblich im Stich gelassen hat. Doch auf diese Weise bringen sie sich um den göttlichen Zuspruch und den Gewinn in neuen Perspektiven für ihr eigenes Leben. Es lohnt sich, mit Gott zu ringen, auch wenn man dabei am Ende nur hinkend davon kommt.

Audiobeitrag Der Kampf mit Gott


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