Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.08.08, Christa Kirschbaum (Choralandacht)

Die helle Sonn leucht jetzt herfür (eg 437)

Zufrieden lässt Nikolaus Herman seine Feder auf das Schreibpult sinken. Über vierzig Jahre hat er als Schulmeister und Kantor in St. Joachimsthal gearbeitet,

nun bringt er sein Vermächtnis zu Papier: eine Liedersammlung für seine Schulkinder. Bald hat er es geschafft – gerade ist das Lied zu Luthers Morgensegen fertig geworden:

Choral:
1.„Die helle Sonn leucht jetzt herfür / fröhlich vom Schlaf aufstehen wir. /   
Gott Lob, der uns heint diese Nacht / behüt hat vor des Teufels Macht.“.

Fröhlich aufzustehen und Gott zu loben: das ist ihm in den letzten Jahren nicht immer leichtgefallen. Die Gicht plagt ihn so stark, dass er seinen geliebten Beruf als Lehrer vor Kurzem aufgeben musste. Sein Gehalt muss er nun mit dem Nachfolger teilen, und noch ist nicht klar, ob das zum Lebensunterhalt für ihn und seine Familie reichen wird. Trotzdem hat er sich immer an die Regel gehalten, die sein großes Vorbild Martin Luther einem Christenmenschen zum Start in den neuen Tag aufgegeben hat:

Sprecher:
Des Morgens, wenn du aufstehst, kannst du dich segnen mit dem Zeichen   
des heiligen Kreuzes und sagen:
Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist ! Amen.
Darauf kniend oder stehend das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser.
Willst du, so kannst du dies Gebet dazu sprechen:
Ich danke dir, mein himmlischer Vater,
durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn,
dass du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast,
und bitte dich, du wollest mich diesen Tag auch behüten vor Sünden und allem Übel,
dass dir all mein Tun und Leben gefalle.
Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände.
Dein Heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.
Alsdann mit Freuden an dein Werk gegangen und etwa ein Lied gesungen oder
was dir deine Andacht eingibt.

Choral:
2. „Herr Christ, den Tag uns auch behüt/ vor Sünd und Schand durch deine Güt./  
Lass deine lieben Engelein/ unsre Hüter und Wächter sein.“

Wie gut erinnert sich Nikolaus Herman an seinen ersten Unterrichtstag in St. Joachimsthal! 1518 war er als Hilfslehrer in die aufstrebende Stadt im böhmischen Erzgebirge gekommen. Zwei Jahre zuvor hatte Graf Stephan von Schlick eine verfallene Silbererzgrube wieder in Betrieb gesetzt. Das hatte viele Leute angezogen, die hier ihr Glück machen wollten. Aus einer kleinen Siedlung war innerhalb weniger Jahre eine wohlhabende Bergwerksstadt geworden. Nun lebten hier bereits 20.000 Menschen. In späteren Zeiten wird man sich an den „Taler“ erinnern, die in Joachimsthal geprägte Münze.

Die gräfliche Familie hatte in religiöser Weitsicht dafür gesorgt, dass neben der katholischen Gemeinde eine Kirche samt Schule böhmisch-hussitischer Prägung eingerichtet worden war, in der das Wort Gottes evangelisch gepredigt und gelehrt und das Abendmahl in beiderlei Gestalt, also mit Brot und Wein,  gereicht werden sollte.

Begeistert hatte sich der junge Lehrer in die Arbeit gestürzt, doch erinnert er sich auch an die Unsicherheiten und Zweifel: wie er als armes Schulmeisterlein mit den Neureichen zu tun bekam, oder wie das vielfältige religiöse Angebot in der Stadt auch ihn ordentlich verwirrte. Zudem war die Einführung der Reformation in St. Joachimsthal nicht konfliktfrei verlaufen, zu den religiösen Spannungen traten soziale, die zusätzlich durch die Bauernunruhen 1525 verstärkt wurden. Aber dann hatte er eines Tages ein Büchlein von Martin Luther in die Hand bekommen, in dem dieser für die allgemeine Schulpflicht für Mädchen und Jungen wirbt:

Sprecher:          
An die Ratsherren aller Städte Deutschen Lands, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen.
Lieben Herren, muss man jährlich so viel wenden an Gewehre, Wege, Stege, Dämme und dergleichen unzählige Stücke mehr, damit eine Stadt zeitlich Frieden und Gemach habe, warum sollt man nicht viel mehr doch auch so viel wenden an die dürftige arme Jugend, dass man einen geschickten Mann oder zween hielten zu Schulmeistern ?
Sintemal es itzt von Gottes Gnaden alles also zugericht’ ist, dass die Kinder mit Lust und Spiel lernen könnten...Sie müssten mir nicht alleine die Sprachen und Historien hören, sondern auch singen und die Musica mit der ganzen Mathematica lernen ... Denn wir wollten ja gerne unsern Kindern nicht allein den Bauch, sondern auch die Seel’ versorgen.

Zum Schulpensum gehört die Kenntnis der sonntäglichen Predigttexte wie der obligatorische Gottesdienstbesuch. Schüler müssen die entsprechenden Bibelstellen auswendig können. Nikolaus Hermans pädagogischer Ehrgeiz wird durch Luthers Argumentation bestärkt.
In seinem Unterricht wird viel gesungen. Zu allen Sonntagsevangelien schreibt er Erzähllieder, in leicht fasslichen vierzeiligen Strophen. Seine Liedersammlung, die Summe seines erzieherischen Lebenswerkes, wird 101 Lieder enthalten. In der Vorrede schreibt er:

Sprecher:           
Die tägliche Erfahrung bezeugt es, dass alles, was im Gesang verfasset wird, leichtlicher zu lernen und besser zu behalten ist, denn was man sonst lieset und höret.

Choral:
3. „Dass unser Herz in G’horsam leb, / deim Wort und Willn nicht widerstreb, /  
 dass wir dich stets vor Augen han / in allem, das wir heben an.“

Wieder denkt Nikolaus Herman zurück: wie 1537 in St. Joachimsthal die erste Mädchenschule der Reformationszeit eingerichtet worden ist. Deren Schülerinnen haben seine Lieder mit Begeisterung gesungen. Wie im gleichen Jahr die erste lutherische Predigtkirche errichtet worden ist. Und wie fruchtbar die Zusammenarbeit mit Johann Matthesius gewesen ist. Fast dreißig Jahre kannten sie sich nun. Matthesius war als Schulrektor nach Joachimsthal gekommen und später auch Pfarrer geworden, die beiden Männer hatten sich angefreundet. Matthesius hat ihn darin bestärkt, seine Liedersammlung zu veröffentlichen. Darum wird er das Manuskript in der nächsten Woche nach Wittenberg schicken.

Choral:
4. „Lass unser Werk geraten wohl/ was ein jeder ausrichten soll, /     
 dass alle Arbeit, Müh und Fleiß / gereich zu deim Lob, Ehr und Preis.“

Nikolaus Hermans Liedersammlung wird ein Erfolg. Der Kaiser gewährt dem alten Schulmeister ein Ruhegehalt – und dieser erarbeitet einen zweiten Liederband. Johann Matthesius schreibt ihm dazu im Vorwort eine Theologie der Musik:

Sprecher:
Die Text in der Heiligen Schrift sind zwar an ihm selber die allerlieblichste Musica, 
die Trost und Leben in Todesnöten gibt und im Herzen wahrhaftig erfreuen kann.
Wenn aber eine süße und sehnliche Weise dazukommt, wie denn eine gute Melodie
auch Gottes schön Geschöpf und Gabe ist, da bekommt der Gesang eine neue Kraft
und geht tiefer zu Herzen.

Herman erlebt die Veröffentlichung seines zweiten Liederbuches nicht mehr, 1561 stirbt er im Alter von 61 Jahren. Ein halbes Jahrhundert später lässt der Stadtkantor von Weimar, Melchior Vulpius, zufrieden seine Feder auf das Schreibpult sinken. Gerade ist ihm eine besonders gute Melodie gelungen. Er hat den alten Text des Schulmeisters Nikolaus Herman mit einer neuen Weise versehen: wie ein Sonnenaufgang steigt die Melodie in der ersten Zeile vom Grundton aufwärts. Dem schlichten, kindgerechten Reim mit gleichmäßigen Hebungen und Senkungen verleiht er musikalischen Pfiff, in dem er die wichtigsten Silben mit längeren Tönen versieht. Und er komponiert gleich noch einen schwungvollen mehrstimmigen Chorsatz, der die fröhliche Melodie unterstützt. Gleich am nächsten Sonntag wird sein Schulchor ihn im Gottesdienst aufführen:

Choral :             
1. Die helle Sonn leucht jetzt herfür / fröhlich vom Schlaf aufstehen wir /
 Gott Lob, der uns heint diese Nacht / behüt’ hat vor des Teufels Macht.“

Das war Kirche in WDR 3 mit Christa Kirschbaum aus Lippstadt über den Choral “Die helle Sonn leucht jetzt herfür“. Es sangen die Stuttgarter Hymnus-Chorknaben unter der Leitung von Gerhard Wilhelm.


 

Audiobeitrag Die helle Sonn leucht jetzt herfür (eg 437)


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