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Wie lange muss man höflich sein?
Anfang Juli meldeten es Zeitungen und Fernsehsender nicht nur in Frankreich: »Nicolas Sarkozy pöbelt wieder«. Dieses Mal gegenüber einem Techniker.
Der hatte den Staatspräsidenten kurz vor einem Fernsehinterview mit dem Mikrofon verkabelt und ihn nicht begrüßt. In den Meldungen hieß es: Der Präsident wäre »extrem genervt« gewesen, er hätte den Techniker empört angeraunzt: »Es ist das Mindeste, dass man begrüßt wird, wenn man eingeladen wurde. Unglaublich, schlimm. Das wird sich ändern.« Recht hat er, der französische Staatspräsident. Grüßen und Zurückgrüßen gehört zum guten Umgang. Aber ich ergänze einen Satz, den Jesus gesagt hat: »Was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihr ihnen auch.«
Die Aufzeichnung von Sarkozys »Pöbelei« lief einen Tag später bereits im Internet. Innerhalb von zwei Tagen klickten mehr als 800 000 Menschen darauf. In ihren Kommentaren empören sich die User über solch einen arroganten Präsidenten, dass Frankreich arm dran sei, dass auch ein Präsident höflich sein sollte. Viele haben ihre Meinung recht drastisch formuliert. Ein Amerikaner kommentiert: »Die Franzosen sind halt Arschlöcher.« Prompte Antwort: »Du bist selber ein Arschloch.« Höflichkeit, eben noch von anderen gefordert, scheint im eigenen Leben nur für bestimmte Leute und nur in bestimmten Situationen zu gelten. Frage: Wie weit muss man gehen mit der Höflichkeit?
Zurück zum Video: Was sehe ich dort? Sarkozy ist der erste, der grüßt: »Bonjour Monsieur!« Der Techniker grüßt nicht zurück. Aha! Da haben die Meldungen die meisten von ihnen haben übrigens den Wortlaut einer einzigen Agentur übernommen da haben die Meldungen das Ganze also leicht verkürzt dargestellt. Es kommt eben besser zu sagen: Sarkozy pöbelt. Keine feine Art der Medien. Ich sehe übrigens keinen »extrem genervten« Staatsmann. Ich deute Sarkozys Reaktion als »unangenehm berührt«. Es ist also, wieder mal, alles eine Frage der Interpretation und der Voreinstellung. Sarkozy und der Techniker beispielsweise begegneten sich in einer aufgeheizten Grundstimmung. Sarkozy und das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Frankreich stecken nämlich gerade in einem Streit. Muss man da noch höflich sein?
Das ist alles eine Frage der Erziehung, sagte Sarkozy noch. Der Bildung. Herzensbildung. Nach welchem Bild forme ich mein Herz? Jesus hat ein Idealbild für den menschlichen Umgang genannt. In kleine Münze umgemünzt, für den Alltag, lautet es: Wahre Höflichkeit zeigt der, der auch zu den Unhöflichen höflich ist. Waas? Höflich sein zu einem, der sich schlecht benimmt!? Solchen Leuten Respekt erweisen, die es gar nicht verdient haben?! Die man nicht leiden kann!? Ist das nicht ein bisschen viel verlangt? Jesus sagt: Nein, »seine Freunde lieben, das macht jeder. Liebet eure Feinde!« Denn das ist der Weg zum Leben. Den anderen Weg gehen viel zu viele. Der macht das Leben nur schlechter.
Vergeltet Böses mit Gutem, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, die euch beleidigen! Heute in der Bahn, im Straßenverkehr, auf der Arbeit: Was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihr ihnen auch. Das ist der Weg, der zum Leben führt. Und jetzt sind Sie dran!
Wie lange muss man höflich sein?
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