Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.08.08, 10.00 Uhr, Hartmut Handt

Von den Arbeitern im Weinberg

Liebe Gemeinde,die Menschen, die vor hundert Jahren das erste Soziale Bekenntnis der methodistischen Kirche formulierten, waren überzeugt:

Als Christen sind wir nicht nur für das Seelenheil verantwortlich, wir müssen auch Antworten  auf die drängenden Fragen unserer Zeit geben. Deshalb entwarfen sie einen solchen Text und bemühten sich, danach zu handeln. Aber nicht nur das. Für sie war dieses Bekenntnis zugleich eine Antwort, die ihre Begründung in den Weisungen Jesu, also aus der Bibel, erfuhr. Vermutlich spielte dabei die Gleichnisgeschichte von den Arbeitern im Weinberg eine Rolle. Jesus hat sie erzählt und der Evangelist Matthäus hat sie aufgeschrieben. Sie  steht in den ersten Versen des 20. Kapitels:

Verlesung des Predigttextes Matthäus 20,1-15:
Das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tageslohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen und sprach zu ihnen: Geht auch ihr hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Uns sie gingen hin.

Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg. Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn, und fang an bei den letzten bis zu den ersten.

Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. Als aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden empfangen; und auch sie empfingen jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet. Doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tue dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einige geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist und geh! Ch will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?


Liebe Gemeinde, der Verlauf der Geschichte ist allgemein verständlich – und die Pointe auch: Alle Arbeiter bekommen den gleichen Lohn, ganz gleich, wie lange sie gearbeitet haben. Der Chef bestimmt das so und duldet keinen Widerspruch. Alle anderen Züge der Geschichte sind zweitrangig und spielen für die weitere Auslegung keine Rolle: Etwa die interessante Frage, warum einige erst eine Stunde vor Feierabend angeheuert werden: Wurden sie vorher nicht gebraucht? Waren sie nicht qualifiziert genug? Waren sie zu alt für einen langen Arbeitstag? Oder: Warum geht der Weinbergbesitzer immer selbst auf den Markt? Hat er dafür keine Mitarbeiter? Er scheint doch ziemlich wohlhabend zu sein und nicht nur Arbeiter im Weinberg, sondern auch Leute in der Verwaltung zu beschäftigen.

Es kommt darauf an, dass alle den gleichen Lohn erhalten, verdient oder unverdient, erarbeitet oder nicht – und damit das auch alle mitbekommen, lässt der Chef den Kurzarbeitern das Geld zuerst auszahlen. Den ganzen Ärger, den er daraufhin zu spüren bekommt, hätte er sich ersparen können, wenn die Reihenfolge umgekehrt gewesen wäre. Dann wären die Vollzeit-Arbeiter mit ihrer Lohntüte schon lange auf dem Weg nach Hause gewesen, ohne das zu erfahren. Aber ganz offensichtlich will der Chef sie mit seinem Verhalten provozieren. Verschärft wird das Ganze noch dadurch, dass die Arbeitsbedingungen für die Kurzarbeiter besser waren, denn sie mussten nicht in der Mittagshitze arbeiten.

Alle Arbeiter bekommen den gleichen Lohn – gleichgültig wie lange sie gearbeitet haben. Der ausgehandelte Betrag ist nicht willkürlich oder durch die augenblicklichen Wirtschaftsverhältnisse bestimmt. Es ist die Summe, die jeder braucht, um einen Tag leben zu können. Dies ist die Pointe der Geschichte. Also: Es geht nicht darum, dass alle einen fiktiven gleich hohen oder niedrigen Betrag erhalten, ausgehandelt oder nicht ausgehandelt. Es geht darum, dass alle das bekommen, was sie zum Leben brauchen, egal, welche Leistung sie erbracht haben – und aus welchen Gründen immer diese größer oder kleiner gewesen ist.

Weshalb erzählt Jesus diese Geschichte? Mindestens aus zwei Gründen:

1. Jesus möchte den Menschen sagen: Seht, so liebt euch Gott. Er gibt  euch, was ihr zum Leben braucht – und er tut es ohne Unterschiede.  Davon ist des Öfteren in der Bibel die Rede: Gott lässt die Sonne  aufgehen über Gerechte und Ungerechte. Das Manna, mit dem das Volk  Israel in der Wüste gespeist wird, reicht  genau für einen Tag. Jesus  fordert in der Bergpredigt zu einem sorgenfreien Leben auf, das Gott die  Sorge für die kommenden Tage überlässt. In unserem Predigttext sagt er  dies nun nicht in Form einer abstrakten Theorie, sondern er erzählt eine  anschauliche Geschichte, die jede und jeder verstehen kann.

2. Geschichten laden dazu ein, sich mit den handelnden Personen zu  identifizieren, sozusagen in die Geschichte selbst hinein zu schlüpfen, ein  Teil des Prozesses zu werden, der erzählt wird. Vielleicht hat sich der eine  oder die andere beim Zuhören schon darin entdeckt oder sich gefragt:  Gehöre ich zu denen, die „Leistungsträger“ genannt werden, oder gehöre  ich zu den volkswirtschaftlich eher Bedeutungslosen? Es ist wichtig, dass  wir unsere Rolle finden - allerdings nicht nur unter den Arbeitenden. Wenn  Jesus in seinen Gleichnisgeschichten erzählt: So handelt Gott – dann  meint er auch fast immer: Handelt ihr ebenso!

Und da bekommt unsere Geschichte nun eine geradezu brennende Aktualität. Eines der Hauptthemen in unserer Gesellschaft ist heute das Problem Mindestlohn und, dass viele Menschen in unserem Land von ihrem Einkommen nicht leben können – selbst dann nicht, wenn sie vollzeitlich arbeiten.

Ich bin kein Wirtschaftsfachmann. Deshalb kann und will ich hier keine Ratschläge geben. Auf der Kanzel schon gar nicht. Da habe ich ja auch gut reden. Aber eines will und muss ich sagen; und ich rede jetzt ganz menschlich von Gott: Gott will, dass wir Menschen von dem, was wir leisten, auch wenn es nur wenig ist, leben können; und er traut uns zu, dass wir Wege finden, dies zu bewerkstelligen. Das Ziel ist völlig klar; um die Wege muss wahrscheinlich gestritten werden. Denn die Lösungen liegen nicht einfach auf der Hand. Auseinandersetzung muss sein; und das macht auch gar nichts, wenn man sich in der Zielsetzung einig ist.

Wir können allerdings beim Nachdenken über die Geschichte noch einen Schritt weiter gehen – wenn davon in der Geschichte selbst auch nicht die Rede ist. Zu den Lebensnotwendigkeiten für uns Menschen gehören ja nicht nur Essen und Trinken und ein Dach über dem Kopf. Dazu gehören auch Beziehungen zu anderen Menschen, gerechter Umgang miteinander, Gesundheit – kurz: all das, was ein Leben wirklich lebenswert macht. Auch darauf haben alle einen Anspruch. Wir sind aufgefordert, uns dies gegenseitig zuzugestehen, ja, es einander zu ermöglichen, soweit wir das können. Das entspräche dann auch dem, was die biblischen Lesungen in unserem heutigen Gottesdienst gesagt haben: Frieden und Gerechtigkeit sollen hier und jetzt Wirklichkeit werden. Und dies nicht auf wundersam Weise als ein Geschenk vom Himmel, sondern durch unser Nachdenken, unsere Einstellung, unsere Entscheidungen, unser Verhalten. Dass dies nicht leicht ist, dürften die meisten schon erfahren haben; aber es ist nicht unmöglich.

Da können uns Texte wie das „Soziale Bekenntnis“ eine Hilfe sein. Sie formulieren in konzentrierter Form unsere Verantwortung und durch den wiederholten Gebrauch prägen sie sich unserem Gedächtnis und unserem Denken ein. Darüber hinaus ist dies ein Bekenntnis der Gemeinde, ja einer Kirche und nicht nur einer Einzelperson. Das sagt uns, dass wir bei der Wahrnehmung unserer Verantwortung nicht allein stehen, sondern – um ein heute sehr gebräuchliches Wort zu gebrauchen – in einer Verantwortungsgemeinschaft.

Vielleicht entdecken Sie sich aber gar nicht in dieser Geschichte. Vielleicht meinen Sie, Sie könnten nicht einmal eine ganz geringe Leistung erbringen: An Zuwendung zu anderen, an Verständnis, an Offenheit; vielleicht fühlen Sie sich so leer und ausgebrannt, dass Ihnen alles zu viel ist. Dann geht es Ihnen wie den Familienmitgliedern des Weinbergbesitzers. Von denen ist in der Geschichte ja auch nicht die Rede. Aber ihnen gilt mit Sicherheit seine besondere Fürsorge. Sie müssen nicht schuften, um leben zu können. Ihnen gilt die bedingungslose Liebe des Vaters. Das könnte Ihre Rolle sein. Aber Gottes geliebtes Kind zu sein, ist mehr als eine Rolle. Es bedeutet, zu seiner Familie zu gehören; und was wäre mehr wert?

Unser Gemeindechor wird gleich ein Lied singen, das die Bereitschaft zu einer verantwortlichen Einstellung und zu einem Handeln für Frieden und Gerechtigkeit ausspricht:

„Wir wolln uns gerne wagen / in unsern Tagen
der Ruhe abzusagen, / die’s Tun vergisst.“

Die Worte sind zweieinhalb Jahrhunderte alt. Der Komponist hat sie mit einer Melodie zusammengebracht, die vor gut hundert Jahren entstanden ist: Es ist ein African American Spiritual, also ein Lied, das unter den schwarzen Sklaven im 19. Jahrhundert in Nordamerika entstanden ist. In diesen Liedern bewahrten die Schwarzen ihre Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit auf. Ihre Musik war Sprache der Hoffnung.

Die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg sagt uns, dass Gott uns mit dem Lebensnotwendigen versorgt. Sie fordert uns auf, die Hoffnung auf ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit nicht aufzugeben und uns für ein menschenwürdiges Leben einzusetzen. So will es Gott. Amen.

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 14.09.2008 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Alten Dorfkirche in Augustdorf übertragen. Die Predigt hält Pfarrerin Johanna Krumbach.


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