Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.07.08, Pfarrer Michael Opitz

Trinken Sie genug?

(MUSIK 1 / CD-Einspielung: Dieter Falk, “Lobet den Herren, …“ (CD-Track 6) Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer.

Ich heiße Michael Opitz und bin evangelischer Pfarrer in Düsseldorf. Darf ich Sie mal etwas fragen? Trinken Sie auch genug – gerade in der warmen Jahreszeit? Kommen Sie auf die von Gesundheitsexperten empfohlenen 2 Liter pro Tag? Und noch etwas: Bevorzugen Sie stilles Wasser oder doch das prickelnde? Schwören Sie da auf eine bestimmte Marke? Trinken Sie Mineralwasser, Quellwasser, Tafelwasser oder Leitungswasser? Kennen Sie dieses besondere Wasser, das auch besonders teuer ist – seit ein paar Jahren in den Supermärkten angeboten, das  mit dem besonders hohen Sauerstoffgehalt? Auch in der Bibel wird von einem besonderen Wasser erzählt.

[ JOHANNES 4 IN AUSZÜGEN ]

Sprecherin: 5 Unterwegs kam er in die Nähe des Dorfes Sychar… 6 Dort befand sich der Jakobsbrunnen. Jesus war von dem langen Weg müde geworden und setzte sich an den Brunnen. Es war gegen Mittag. 7 Da kam eine samaritische Frau zum Wasserholen. Jesus sagte zu ihr: »Gib mir einen Schluck Wasser!« 9 Die Frau antwortete: »Du bist ein Jude und ich bin eine Samariterin. Wie kannst du mich da um etwas zu trinken bitten?« - Die Juden vermeiden nämlich jeden Umgang mit Samaritern. 10 Jesus antwortete: »Wenn du wüsstest, was Gott den Menschen schenken will und wer es ist, der dich jetzt um Wasser bittet, dann hättest du ihn um Wasser gebeten und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.« 11 »Herr, du hast doch keinen Eimer«, sagte die Frau, »und der Brunnen ist tief. Woher willst du dann das lebendige Wasser haben?« 13 Jesus antwortete: »Wer dieses Wasser trinkt, wird wieder durstig. 14 Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird nie mehr Durst haben. Ich gebe ihm Wasser, das in ihm zu einer Quelle wird, die bis ins ewige Leben weitersprudelt.« 15 »Herr, gib mir von diesem Wasser«, bat die Frau, »dann werde ich keinen Durst mehr haben und muss nicht mehr hierher kommen, um Wasser zu schöpfen.«

Autor: Jesus also an einem Brunnen in Samarien. Eine Frau kommt und Jesus bittet sie um Wasser. Ein Gespräch entsteht, in dem Jesus der Frau schlie߬lich „lebendiges Wasser“ anbietet. Die Frau bittet ihn: Gib mir doch davon, dann habe ich keinen Durst mehr! Und da geschieht etwas Eigenartiges im weiteren Fortgang der Geschichte. Jesus fragt die Frau nach ihrem Mann. Und sie antwortet: Ich habe keinen Mann. Und Jesus sagt ihr auf den Kopf zu: Richtig, du hattest 5 Männer und auch der jetzige ist in Wirklichkeit nicht dein Mann. Und damit trifft er das Thema der Frau – und ich behaupte: das Thema der meisten auch von uns: Der unstillbare Durst nach Liebe, Anerkennung und Zuwendung.

MUSIK 2 / CD-Einspielung: Lizz Wright, „Mu Heart“ (CD-Track 2)

Ist es Zufall, dass dies Aufeinandertreffen an einem Brunnen geschieht? Brunnen sind ein Ort der Begegnung. Da treffen sich Durstige wie Verliebte, dort trifft man sich, um einfach nur zu verweilen, Bekannte zu treffen, mit Fremden ins Gespräch zu kommen, ob es die „fontana di trevi“ ist oder der „Brunnen vor dem Tore“...

Bei Brunnen ging es immer schon um mehr als um Wasser. Sie sind ein uraltes Symbol. Menschen sind wie Brunnen. Alle haben ursprünglich Zugang zum Wasser in der Tiefe. Zum Grund ihres Lebens. Zu ihren Gefühlen. Wasser ist immer ein Symbol für unsere Gefühle. Für das Meer unserer Gefühle.

Menschen haben Zugang zu ihrer Tiefe und dem Wasser darin. So werden sie geboren. Dass sie daraus leben und überfließen können.

Und dann kommt die Welt mit ihren vielfältigen „Einflüssen“. In Gestalt der Eltern. Der Großeltern. Der Geschwister, Nachbarn, Freunde, Lehrer ...Und es geschieht, dass sich vieles in uns ablagert, unsere Tiefe verstopft wird, verschmutzt, verschüttet.

Das Tragische: Wir haben es alle erlebt und wir geben es weiter. Unbewusst. Wir können nicht anders. Wir erleiden massive Einschränkungen und geben sie automatisch weiter. Da hören wir als Kinder: Ein Junge weint doch nicht. Du hast hier nichts zu sagen. Lass die Finger davon. Dafür bist du noch zu klein. Grins nicht so unverschämt. Kopf hoch. Rede nur, wenn du gefragt wirst. Und auch Prügel und noch Schlimmeres können zu dem Abfall gehören, der sich auf dem Grund unseres Brun¬nens ablagert.

Tragisch, dass sich bei den Erwachsenen häufig fortsetzt, was sie selbst als Kinder erlebt haben. Tragisch auch, dass eine scheinbare Kleinigkeit oft genug nicht nur eine kleine Wirkung hat.

Und dann prasselt so viel auf uns ein, dass wir gar keine Möglichkeit haben, es zu verarbeiten. Es bleibt im Brunnen liegen, ganz tief, und verstopft, verschüttet, vergiftet den Zugang zu meiner Tiefe, zu meinen Gefühlen, zum Wasser des Lebens. Das Wasser will aber nach wie vor heraus. Es gehört zum Prinzip Menschen-Leben, dass Gefühle fließen wollen – ob ich das will oder nicht. Die Freude zeigen. Die Angst ausdrücken. Der Trauer freien Lauf lassen.
Die Wut freigeben.

Kinder tun dies meist unverkrampft, bis sie so alt werden, dass sie lernen, sich Zwang anzutun. Später gibt es zwei Möglichkeiten, mit dem steigenden Druck umzugehen. Der Druck nimmt zu und will entweichen, sucht sich schließlich seinen Weg durch den Schutt und schießt mit Schärfe heraus. Dann sprechen wir von Gewalt oder einer fängt an zu brüllen oder Kinder werden verhaltensauffällig genannt. Oder, der zweite Weg: Der Abfall wiegt zu schwer, es geht nichts mehr durch. Dann sucht der Druck sich seinen Weg in Krankheiten hinein.

Die Frau in unserer Geschichte hat Durst, Durst nach einer verlässlichen Beziehung zu einem Mann. Fünf schon hat sie gehabt, und der momentane ist auch nicht wirklich ihr Mann, d.h., mit ihm erlebt sie auch nicht, wonach sie sich sehnt. Sie ist „eine Frau mit Vergangenheit“, wie die Bürgerschicht Zunge schnalzend von sich geben würde. Wie auch immer: Offenbar sind in ihrem Leben Dinge geschehen, die es dieser Frau schwer machen zu lieben. Und da ist sicher ganz viel Angst: Angst, noch einmal einem Mann zu vertrauen, sich ihm mit Haut und Haaren anzuvertrauen. Kennen wir selbst eine solche Angst? Können wir rückhaltloses Vertrauen schenken?

Lizz Wright fade out

Jesus spricht sie auf ihr Geheimnis, ihr Innerstes an. Er bringt der Frau die Unruhe ihres Lebens zu Bewusstsein. Diese Unruhe treibt sie von einer scheinbaren Erfüllung zur nächsten – auf der Suche nach so etwas wie ewiggültiger Heimat. Ich denke, uns alle erfüllt die Sehnsucht nach Ewigem, wir sehnen uns nach Sinn, der Bestand hat. Und doch glaube ich, dass uns unsere Sehnsucht, zu lieben und geliebt zu werden, letztlich erst Gott erfüllen kann. Darum werden wir hier nicht satt, wie viele Männer und Frauen wir auch haben und sie uns. Wir können einander nicht Gott werden, nur Gefährten können wir uns sein, können uns den Durst nicht heilen, nur ihn mildern. Wehe, wir verwechseln Menschen mit Gott – dann müssen wir von einem zum anderen, weil keiner, keine gut genug ist. So lasst uns doch lieben auf irdische und unvollkommene Weise. Damit wir nicht den „Cola – Effekt“ erleben, wenn wir an zu vielen Offerten des Lebens herumnippen! Kennen Sie den „Cola – Effekt“? Ist ja schon verlockend, so eine Cola im heißen Sommer – eine eiskalte Cola, aber nicht die schale 1,5l – Bombe, sondern die alte  0,25 – Flasche, die mit Kronkorken, der das Aroma viel besser entfaltet...! Herrlich so eine Coke – nur: Kurz nach dem Genuss ist der Durst wieder da! Jesus sieht auf den Grund der Seele dieser  Frau wie in einen tiefen Brunnen. „Das bist du“, sagt er, „und du bist dir selbst ein Problem. Ich biete dir lebendiges Wasser an. Du musst nur Ja sagen.“ Keine Forderung. Kein Zeigefinger. Das ist vielleicht das große Geheimnis der Wirkungsgeschichte des Mannes aus Nazareth. Und dann fließt von Jesus etwas über zu der Frau. Und sie erhält dadurch Zugang zu einem Teil ihrer verschütteten Gefühle in der Tiefe, zum Grund ihres Daseins. Und was ist der Grund meines Lebens? Gottes Zusage: Ja, so bist du. Und genau so bist du angenommen. Ich stehe hinter dir, unter dir, sagt Gott, sicher, wie „ein Fels und eine Burg“, wie es in den Psalmen heißt. In der Geschichte hat Jesus eine schwere Tür geöffnet. Die Frau hat daraufhin den ersten Schritt über die Schwelle getan.

Lizz Wright fade out

Ein solcher Schritt kann dein Leben verändern. Zwar ist da noch viel Schutt. Aber Vertrauen ist gefasst. Mir ist alles gesagt, was ich getan habe. Doch nun wird es weitergehen. Die Ablagerungen müssen heraus. Schritt für Schritt. Damit der Druck nachlässt. Damit das Wasser des Lebens wieder fließen kann. Auf welchen Wegen das vonstatten geht, kann ganz unterschiedlich sein. Durch Gespräche. Durch Aufschreiben. Durch Lachen und Weinen. Durch Malen. Durch Singen. Durch Austoben. Durch Stille, durch Gebet. So können Menschen ihr Leben verändern. Auch wenn nicht möglich ist, alles „auszudrücken“, was da so in uns ist. Das ist uns auch nicht verheißen. Weder von der Psychologie noch von der Bibel. Aber verheißen ist uns für unser Leben hier und jetzt: Nimm vom lebendigen Wasser – und die Energie, der „flow“, wird in dir strömen. Das weiche Wasser bricht den Stein. Liquide wirst du und kannst dich zu den anderen hin lösen. Und die Quelle der Liebe wirst du in dir selber entdecken, sagt dieser Jesus.

MUSIK 3 / CD-Einspielung: Esbjörn Svensson Trio, “Seven Days of Falling“ (Track 2)

Also noch einmal, liebe Hörerinnen und Hörer: Trinken wir genug? Trinken wir das Richtige? Empfinden wir unseren Durst als gestillt? Lassen Sie uns keine Kostverächter sein. Trinken wir vom Wasser des Lebens. Zum Wohl. Zu unser aller Wohl. Ihr Michael Opitz von der Evangelischen Kirche

Verwendete Musik:
Dieter Falk, A Tribute To Paul Gerhardt (daraus Track 6: „Lobet den Herren, alle die ihn ehren“)
Lizz Wright, The Orchard (daraus Track 2: „Mu Heart“)
Esbjörn Svensson Trio, Seven Days Of Falling (daraus Track 2: „Seven days of falling”)

Audiobeitrag Trinken Sie genug?


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