Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.07.08, Pfarrerin Viktoria Keil

Meine Augen werden ihn schauen

Guten Morgen, liebe Hörer, liebe Hörerinnen! Hiob ist sich sicher. Er wird Gott mit seinen eigenen Augen sehen. Wenn nicht jetzt, dann eben später.

Möglicherweise sogar erst im Sterben. Hiob hat all sein Hab und Gut verloren. Seine Kinder sind durch einen Unfall getötet worden. Seine Freunde setzen sich zu ihm. Eigentlich wollen sie ihn trösten, aber dann setzen sie ihm zu: Wer weiß, was du angestellt hast, Hiob. Das kann doch kein Zufall sein: Gott verbirgt sein Angesicht vor dir. Dein Unglück hast du dir wohl selber zuzuschreiben. Hiob kann ihre Gedanken nicht nachvollziehen. Als er mit seinen Freunden nicht mehr reden kann, spricht er mit Gott und bittet Gott um eine Antwort. Die bleibt aus.Er gerät an den Rand seiner Leidensfähigkeit, fühlt sich unendlich entfernt von seinem Gott und sucht doch immer wieder Zeichen seiner Gegenwart und Nähe. Zunächst erfolglos. Gott lässt sich nicht blicken.

Aber gleichgültig, wie es um Hiob steht: Ob er am Ende mit seinen Kräften ist, sich zerschlagen fühlt und dem Sterben nah. Er lässt nicht nach in seinem Vertrauen: Da ist einer, der mich ansieht, der sich nicht abwendet, wenn ich einen Tröster in meiner Nähe brauche. Hiob bleibt dabei:

Sprecher: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. (Hiob 19, 25-27)

Für Hiob ist es keine Vertröstung: Weil es mir hier schlecht geht, schenkt mir Gott ein besseres Leben, wenn ich sterbe. Hiob will keine ausgleichende Gerechtigkeit nach dem Motto: Je schlechter das Leben hier, umso goldiger die Ewigkeit dort. Hiob bleibt beharrlich in seinem Vertrauen: Öffnet eure Augen: Seht doch die Schönheit der Schöpfung, wie weise alles geordnet ist. Mit wie viel Liebe ist das alles ins Leben gerufen. Diese Liebe ist stärker als der Tod. Dieser Liebe werde ich ins Gesicht sehen. Wir sagen oft: Wenn jemand stirbt, ein Mensch hat seine Augen geschlossen. Hiob vertraut darauf: wenn er stirbt, wird er seine Augen öffnen für eine neue Welt. Ich sehe diesen Gott in seiner Schöpfung. Ich bin ein winziger Teil darin. Ich staune über diese Welt und ich werde wieder staunen. Gott wird mich überraschen.

Mit diesem Vertrauen findet Hiob zu seiner inneren Balance zurück. Das verleiht ihm einen festen Stand mit Konflikt mit seinen Freunden. Er gewinnt eine überraschende Kraft und Schlagfertigkeit. Hiobs Freunde bleiben uneinsichtig: Sie sind sich sicher: Am Ende wird jedem die Rechnung serviert und dann wird nach Leistungen und Minderleistungen abgerechnet. Hiob lässt die Freunde schließlich links liegen, weil er ihre kleinliche Abrechnerei satt hat.

Übrigens: am Ende seines Leidensweges erfährt Hiob doch noch die Gegenwart Gottes, einschüchternd zwar, aber sein Vertrauen auf Gottes Nähe hat ihm eine Brücke gebaut in ein neues Leben.

Audiobeitrag Meine Augen werden ihn schauen


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