Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.07.08, Pfarrerin Viktoria Keil

Gottes leuchtendes Angesicht

Guten Morgen, liebe Zuhörer, liebe Zuhörerinnen! Kann ich Gott mit meinen eigenen Augen sehen?, fragen mich meine Kinder.

Die Antwort ist klar: Nein. Für unsere Augen ist Gott unsichtbar. Das ist eine Grenze, über die wir uns gerne hinwegsetzen würden. Das könnte schön sein: Einen Augenblick nur Gottes Angesicht sehen dürfen.

Und wir hören es ja auch in jedem Gottesdienst: Gott lasse leuchten sein Angesicht über dir. Etwas eigentlich Unverfügbares wird uns zugesprochen: Gottes leuchtende Nähe.Sie steht nicht in unserer Macht. Juden und Christen hören am Schluss des Gottesdienstes:

Sprecher: Der Herr segne dich und behüte dich, 
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig, 
der Herr erhebe sein Angesicht über dir und gebe dir Frieden. 

Dieser Segen wird uns im Alten Testament überliefert. Damals hören die Israeliten diese Worte vor dem beschwerlichen uns gefahrvollen Weg durch die Wüste. Was für ein mächtiger Trost: Gottes Angesicht leuchte über uns er möge uns anstrahlen, denn in diesem Licht ist Leben. Wer uns so anstrahlt, vor dem brauchen wir uns nicht zu fürchten. So angestrahlt, werden wir selbstsicher, trauen uns zu, unseren Weg weiterzugehen. In vielen Übergangssituationen wünsche ich mir dieses leuchtende Gesicht. Denn auf mancher Schwelle in einen neuen Lebensabschnitt zögere ich.

In den nächsten Tagen finden in den Kirchengemeinden Einschulungsgottesdienste statt: Aufgeregte Eltern, Großeltern und Paten begleiten den ersten Schultag der neuen Schulkinder. Angst vor Erfolglosigkeit und Leistungszwang machen uns zu schaffen. Wir wünschen uns, Gott möge sichtbar werden und die Kinder begleiten über die Schwelle in die Schule, in die Leistungsgesellschaft. Wir gut oder schlecht sind unsere Kinder darauf vorbereitet? Der Segen Gottes ermutigt, auch wenn wir ihn nicht mit unseren Augen erkennen können. Der Segen besitzt jedoch keinerlei magische Kraft. Er bewahrt nicht automatisch Menschen vor Unglück oder unangenehmen Dingen. Unsere Kinder werden Krisen, Durststrecken und Auseinandersetzungen erleben. Das widerspricht nicht Gottes Gegenwart in seinem Segen. Sein leuchtendes Angesicht begleitet uns. In all diesen Stürmen zieht er mit seinem Licht vor uns her. In der Bibel wird erzählt wie aus dem leuchtenden Angesicht der Gegenwart Gottes ein Lichtzeichen wird. „Wie eine Feuersäule“ in der Nacht beschreibt die Bibel dieses Zeichen.

Der Spur des Segens zu vertrauen, bedeutet Hoffnung gewinnen, mit einigermaßen heiler Haut durchs Leben zu kommen. Es ist nicht alles machbar: Auch hängt nicht alles von uns ab: Das Entscheidende wird uns geschenkt. Wir müssen die Nähe Gottes nicht erringen, aus der wir Mut und Furchtlosigkeit gewinnen. Wir nennen das Gnade, von der wir leben. Wir sind darauf angewiesen, dass uns Gutes entgegenkommt und zwar umso stürmischer unser Leben aussieht. Auch wenn wir Gott und seinen Segen nicht sehen können auf dem Weg in einen neuen Lebensabschnitt: Gott sieht uns an. Sein beschützender und tröstender Blick trägt uns über die Schwelle.

Audiobeitrag Gottes leuchtendes Angesicht


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