Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.07.08, Pfarrerin Viktoria Keil

Gottes Blick auf Hagar

Guten Morgen, liebe Zuhörer, liebe Zuhörerinnen! Verstecken spielen ist für Kinder wunderbar.

Als meine Kinder kleiner waren, haben sie sich gut sichtbar mitten im Zimmer unter Seidentüchern versteckt. Wenn kein Seidentuch zur Hand war, reichten auch einfach die kleinen Hände vor den Augen. Verschwinden und wieder auftauchen. Sie fühlten sich unsichtbar und wenn sie das Tuch vom Kopf zogen, ging ein Strahlen über ihr Gesicht: Besonders in der ersten Sekunde des Wiedersehens sprühten die Funken der Freude aus den Augen. Mama mitsamt Wohnung verschwinden lassen und hervorzaubern – dachten meine Kinder. Dabei hatte ich sie die ganze Zeit im Blick.

Kinderspiele sind irgendwann vorbei. Doch die Erfahrung hinter Schleiern verborgen zu sein, machen wir immer wieder: Mancher spricht das so aus: „Ich fühle mich so verlassen und keiner merkt’s. In dieser Verzweiflungsecke meines Lebens sitze ich allein.“ Die Bibel erzählt, dass wir in diesen krassen Lebenslagen nicht allein sind. Auch dann, wenn wir das empfinden. Da ist einer, der uns im Blick behält.

Sprecher: Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.
Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.
Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?
Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

Menschen erfahren: selbst dort, wo ich Gott nicht im Entferntesten ahne, selbst am Ende meiner Vorstellungskraft ist Gott in meiner Nähe. Ich durchlebe meine Angst nicht allein. Es gibt keinen Ort, mag er noch so verloren sein, an dem Gott nicht auch vorüber gekommen ist.

Die Bibel erzählt von Hagar, einer Ägypterin. Sie wird Abrahams zweite Frau, weil Sara lange keine Kinder bekommt. Als sie mit Ismael schwanger wird, gibt es Eifersucht zwischen den Frauen. Hagar fühlt sich der Situation nicht gewachsen, flüchtet in die Wüste und schleppt sich an einen Brunnen. Sie ist am Ende, fühlt sich verlassen und dem Tod nah. Versteckt in der Wüste sitzt Hagar hinter dem Schleier ihrer Mutlosigkeit, Sara und Abraham werden sie hier nicht finden, und doch bleibt ihre Verzweiflung nicht verborgen: Ein Bote Gottes findet sie und sagt zu ihr: ‚Gott hat dein Elend gesehen.’

Diese Worte verändern sie: Der Schleier ihrer Mutlosigkeit lüftet sich. Gottes Blick legt nicht ihre Schwächen blank. Sie erfährt, wie heilsam es ist, dass Gott sie sieht: Unter Gottes Augen wird ihr Würde verliehen – sie wächst sie über sich hinaus.Der Blick Gottes ist kein überwachender Kontrollblick, sondern ein ermutigender Weitblick: Bleib nicht in der Wüste sitzen, steh auf und geh in dein Leben zurück. Da sind so viele Möglichkeiten, die du noch nicht siehst. Sei getrost, Du wirst deinen Weg finden: ich bin bei dir. Hagar kann aufstehen und sich den Aufgaben, die ihr Leben bereit hält, neu und gestärkt stellen. Aus ihrer ganz persönlichen Lebenswende gibt sie Gott einen Namen: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“

Audiobeitrag Gottes Blick auf Hagar


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