Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.08.08, Beate Raguse

Wer Visionen hat

Fast dreißig Jahre ist der Ausspruch alt, doch er erhitzt noch immer die Gemüter. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“

Helmut Schmidt soll das während einer Debatte über die Globalisierung gemurmelt haben. Heute führt das Zitat längst ein Eigenleben. Sogenannte Realisten zitieren Schmidt gerne, um visionäre Ideen als Unsinn abzutun. Idealisten, um sich abzugrenzen. So wird es zerrieben in einer emotional geführten Debatte, über die eines ganz vergessen wurde; den Rat einfach mal zu beherzigen. Als eine, die zu Schmidts Zeiten im Bonner Hofgarten mit 500.000 anderen von „Schwertern zu Pflugscharen“ geträumt hat, mache ich mich –quasi stellvertretend-  auf zum Arzt.

Ich betrete ein uraltes Gemäuer, das Wartezimmer ist riesengroß, nur wenige Stühle sind besetzt. Kaum sitze ich, kommt ein Mann auf mich zu: „Wollen Sie mal meinen Entwurf eines Solarflugzeugs sehen?“. Schon rollt er seine Zeichnung aus. Von Flugzeugen verstehe ich nichts, aber das Leuchten seiner Augen fasziniert, seine Stimme, die Leidenschaft, mit der er erzählt. „Toll“, sag’ ich. Ich gucke mich weiter im Wartezimmer um. Aus dem Ohrstöpsel eines Fünfzigjährigen ist leise „Imagine“ zu hören, John Lennons Hymne aller Visionäre. „Stell dir vor, es gäbe keine Länder, nichts wofür man morden oder sterben müsste...“ Kein Wunder, denke ich, dass der hier sitzt.
 
Hinten das muss Silvia Schmidt sein. Sie hat die Initiative „daheim statt heim“ mit ins Leben gerufen. Alte und behinderte Menschen sollen nicht in Sonderwelten, sondern  ganz selbstverständlich mitten in der Gesellschaft leben.

Im Arztzimmer tut sich die ganze Zeit nichts. Es dauert. Ich hänge meinen Gedanken nach. Ob der Baptistenpastor Martin Luther King hier war? Ob der Bürgerrechtler  hier seinen Traum von einer Gesellschaft ohne Rassentrennung geschildert hat? Ich stelle mir vor, wie der  Schriftsteller Jonathan Swift gerade erklärte: „Eine Vision ist die Kunst, Unsichtbares zu sehen." als die Sprechstundenhilfe „Der Nächste bitte“ rief und er fluchtartig das Gebäude verließ.

Biblische Propheten haben hier gesessen. Micha, der  als einer der ersten von Gottes  Friedensreich  gesprochen hat, davon dass Spieße zu Sicheln und Schwerter zu Pflugscharen werden. Viele Menschen aus Galiläa, denen die Bilder von einem Reich Gottes Hoffnung gaben, Selbstbewusstsein und Kraft.

Keine Frage, ich bin auch froh darüber, dass ich heute manche nicht treffe: Männer in braunen Uniformen, Extremisten, Menschen, die ihre Ideen mit Gewalt durchsetzen. Nur: da hilft kein Arzt und auch kein Apotheker. Auch für Visionen gilt: sie müssen geprüft werden, von jedem und jeder mit Sinn und Verstand. Sind sie lebensfördernd? Stehen sie im Einklang mit Gesetzen und Geboten? Bei den Menschen heute im Wartezimmer war das so und deshalb war es schön, begeisternd, belebend, dort zu sitzen. Helmut Schmidt hat recht, wer Visionen hat, sollte zum  Arzt gehen. Allerdings nicht, um sich behandeln zu lassen. Er sollte sich ins Wartezimmer setzen. Sollte die treffen, die an derselben Vision leiden oder daran, dass sie noch so unerreichbar erscheint. Visionen brauchen Gemeinschaft. Und wer keine Visionen hat? Der kann sich auch ins Wartezimmer setzen. Visionen sind ansteckend, das ist das Gute. Sie machen Mut, sie sind Kraftquellen. Und: sie sind die Kunst, das heute noch Unsichtbares irgendwann einmal Wirklichkeit wird.

Audiobeitrag Wer Visionen hat


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen