Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.07.08, Pfarrer Johannes Döring

Freundlich, aber deutlich - vom Umgang mit Konflikten

In seinem Film „Pappa ante portas“ spielt Victor v.Bülow alias Loriot den rüstigen Frührentner Heinrich Lohse.

Nach seiner Pensionierung nimmt er daheim den Haushalt in die Hand  -  zum Entsetzen seiner Frau und seines sechzehnjährigen Sohnes. Nach einer Reihe turbulenter Verwicklungen sind die Lohses so zerstritten, daß sie auf der Fahrt zur Geburtstagsfeier der Großmutter an der Ostsee kein Wort mehr miteinander sprechen.

Ich mag Loriots Film und die treffsichere Ironie, mit der er die Kuriosität und den ganz normalen Wahnsinn des täglichen Lebens aufspießt. Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Mein Name ist Johannes Doering. Ich bin Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Unna.

Im Speisewagen des Zuges treffen die Lohses auf Frau Lohses Schwester Hedwig und ihren Mann Helmut: zwei fade, blutleere Langweiler, die mit ihrer demonstrativ zur Schau getragenen Harmonie und Heiterkeit scheinbar das genaue Gegenteil zu den Lohses sind.

Auch bei der Feier preist die „alte Milchsemmel,“ wie Frau Lohse ihren Schwager verächtlich nennt, mit salbungsvollen Worten das Glück ihrer 21-jährigen Ehe, in der sie immer einer Meinung seien. Aber hinter ihrem aufgesetzten Dauerlächeln lauert eine kaum verdeckte Aggressivität, die sich in ständigen hochmütigen Belehrungen gegen andere äußert. „Wir haben immer schon bemerkt, daß Eurer Ehe die Wärme fehlt,“ giftet Helmut die Lohses an, und Hedwig fügt hinzu: „Die Wärme, die von innen kommt.“

Da geraten die beiden über ein mißratenes, ziemlich ordinäres Kompliment des Bürgermeisters an Hedwig in einen heftigen Streit. Helmut ist empört: „Ich möchte Dich daran erinnern, daß wir nie verschiedener Meinung sind.“ Hedwig kontert: „Dann möchte ich Dir empfehlen, Dich meiner Meinung anzuschließen!“ Während aber ihre Fassade aus Lug und Selbstbetrug ze¬bricht, reden die Lohses mit einem Mal wieder miteinander und beginnen, sich neu zusammenzuraufen.

Vom Umgang mit Konflikten ist in der Bibel viel die Rede. Zum Beispiel im 2.Korintherbrief des Apostels Paulus: „Liebe Brüder, freut Euch, laßt Euch zurechtbringen und mahnen, habt einerlei Sinn und haltet Frieden. So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit Euch sein.“ Schön klingt das. Und auch sehr moralisch und sehr fromm. Ich will aber gar nicht immer ein frommes Gesicht machen oder Harmonie vortäuschen, wo vielleicht gar keine ist! Darf einem nicht auch mal der Kragen platzen? Muß man nicht manchmal Tacheles reden? Und kann das sprichwörtliche „reinigende Gewitter“ nicht etwas sehr Befreiendes sein?

Musikblende: Raphael-Wressnig's Organic Trio "Boom Bello!" (Souljazz)  (LC 06281): Track: Last Train To Aalter

„Seid eines Sinnes,“ schreibt Paulus  -  und nicht: „Seid immer einer Meinung.“ Das ist etwas ganz anderes. Daß wir Menschen alle sehr verschieden sind, ist naturgegeben. Gerade auch der christliche Glaube bejaht das als sichtbaren Ausdruck der unendlichen schöpferischen Vielfalt Gottes, der jeden von uns auf seine eigene, unverwechselbare Weise zu seinem Ebenbild geschaffen hat.

Unterschiedliche Menschen haben aber nun einmal unterschiedliche Bedürfnisse, Meinungen und Interessen. Wo sie aufeinandertreffen, gibt es immer wieder auch Reibungen und Konflikte. Das ist ganz normal und nichts Böses oder Verwerfliches. Wo dagegen Einmütigkeit zur Einförmigkeit gerät, wo alle genauso sind, genauso denken, reden, handeln oder aussehen und immer dasselbe wollen, da liegt der Verdacht nahe, daß die vermeintliche Harmonie gar nicht echt ist. Daß sie nur durch Druck oder Manipulation zustandekommt. Vielleicht gibt es nur deshalb keine Meinungsverschiedenheiten, weil Kritiker und Abweichler geächtet und ausgegrenzt werden.

Eine solche Gemeinschaft traut ihren eigenen Grundlagen und dem einigenden Band, das sie zusammenhält, im Grunde genommen selber nicht so recht. Jede Gemeinschaft hat eine Basis an gemeinsamen Merkmalen, Werten, Überzeugungen oder Interessen. Sie verbindet ihre Mitglieder und unterscheidet sie zugleich von denen, die ihr nicht angehören. Auf dieser gemeinsamen Basis kann sich innerhalb der Gemeinschaft in allen anderen Dingen eine bunte Vielfalt entwickeln. Je stärker eine Gemeinschaft ist, desto mehr Unterschiede und auch Gegensätze kann sie verkraften. Je schwächer und brüchiger sie aber ist, desto stärker fühlt sie sich bedroht, wenn in ihr jemand aus der Reihe tanzt oder kritische Fragen stellt.

Die Basis und das einigende Band der christlichen Kirche, das hat gerade Paulus immer wieder betont, ist einzig und allein ihr Glaube. Alles andere, Nationalität, soziale Stellung, Geschlecht, Alter, Bildung u.s.w., hat in anderen Lebenszusammenhängen seine Bedeutung, spielt jedoch für die Zugehörigkeit zur Gemeinde Jesu und die Stellung und das Ansehen in ihr keine Rolle. Theoretisch jedenfalls. In der Praxis stellte sich in den Gemeinden des Paulus allerdings immer wieder die Frage, ob die Basis des gemeinsamen Glaubens wirklich stark genug war, den Zusammenhalt und den Frieden in ihnen zu gewährleisten. Und in Korinth stellte sie sich besonders stark.

In der großen Hafen- und Handelsmetropole zwischen der Ost- und Westhälfte des Römischen Reiches lebten damals Menschen unterschiedlichster Herkunft und Prägung. Armut und Reichtum, Glanz und Elend lagen eng beieinander. Nirgendwo sonst trafen so viele Sprachen, Nationalitäten und religiöse Kulte aufeinander wie in dieser Stadt, die zudem im ganzen Römischen Reich für ihren ausschweifenden, lasterhaften Lebenswandel berüchtigt war. Auch in der christlichen Gemeinde von Korinth spiegelte sich diese Vielfalt unterschiedlichster Menschen wider. Es ist daher wohl kaum ein Zufall, daß gerade diese Gemeinde besonders zerstritten war. Und so war gerade sie der Härtetest für die Botschaft des Paulus, daß der Glaube an den Gott Jesu Christi Frieden und Gemeinschaft über alle trennenden Gegensätze und Unterschiede hinweg stiftet.

Musik: Raphael-Wressnig's Organic Trio "Boom Bello!" (Souljazz)  (LC 06281): Track: Coconut

Religion und Glaube stiften keineswegs immer Frieden. Frömmigkeit kann auch genau das Gegenteil bewirken: sie kann fanatische Züge annehmen und Konflikte verschärfen, indem sie die Standpunkte der streitenden Parteien religiös überhöht und verabsolutiert. Sie kann ein Sendungsbewußtsein erzeugen, das sich im Besitz der Wahrheit glaubt und sich berufen fühlt, sie mit aller Härte und nötigenfalls auch mit Gewalt durchzusetzen. Oder eine frömmelnde Arroganz, die sich selber als etwas Besseres fühlt und verächtlich auf andere herabsieht. So war es auch in Korinth.

Ein solcher Glaube versöhnt und verbindet nicht, sondern spaltet und entzweit. Er ist keine tragende Kraft, sondern Mittel zur Durchsetzung eigener Pläne oder Machtansprüche. Wer es aber nötig hat, sich und anderen auf diese Weise ständig zu bestätigen, daß er etwas Besonderes ist und daß er im Recht ist und die anderen im Unrecht sind, der ist bei allem forschen und scheinbar selbstsicheren Auftrumpfen nach außen hin in seinem Inneren oft ein ganz haltloser, hilfloser Mensch.

Mit bloßen Appellen zu mehr Toleranz und Friedfertigkeit ist da nichts auszurichten. Paulus hält den Korinthern keine Moralpredigt. „Laßt Euch zurechtbringen und ermahnen,“ das bedeutet vor allem: laßt Euch daran erinnern, was der tragende Grund Eures Glaubens ist. An die gemeinsame Basis, die Euch über alle sonstigen Unterschiede und Gegensätze hinweg verbindet: den Glauben an den Gott Jesu von Nazareth, der Euch so liebt, wie Ihr seid, und der Euch mit allen Stärken und Schwächen angenommen und zu seinen Kindern gemacht hat. Dieser Glaube müßte Euch doch innerlich befreien und den Druck von Euch nehmen, einander oder Gott oder Euch selber ständig etwas beweisen zu müssen.

Der Glaube, in der Hand Gottes geborgen und ihm verantwortlich zu sein, kann davor bewahren, sich selbst zum Maß aller Dinge zu machen und seine eigenen Vorstellungen um jeden Preis durchsetzen zu wollen. Er kann ein wenig gelassener machen und helfen, sich selbst zurücknehmen. Eigene Positionen zu relativieren und auch andere in ihrer Art gelten zu lassen. Dieser Glaube sagt mir, daß ich weder allwissend noch allmächtig bin und immer nur einen Teil der Wahrheit kenne  -  aber auch, daß ich mit allen Fehlern und Irrtümern von Gott bejaht und geliebt bin. Das macht es leichter, eigene Grenzen und Schwächen zu akzeptieren. Wo mir das aber zur inneren Gewißheit wird, kann ich vielleicht auch mit Fehlern und Schwächen anderer etwas gnädiger und nachsichtiger umgehen.

Ein so verstandener und gelebter Glaube kann Frieden stiften. Er kann Mut machen, eigene Interessen und Bedürfnisse selbstbewußt vorzutragen, und zugleich Verständnis für andere wecken. Er kann helfen, Gegensätze und Konflikte offen und ehrlich auszutragen, aber ohne dabei persönlich zu verletzen und niederzumachen. Ohne all die Gehässigkeiten, Eitelkeiten und Empfindlichkeiten, die so oft aus einer kleinen, manchmal geradezu lächerlichen Streitfrage ein riesiges, unüberwindliches Problem machen. Ein solcher Friede wäre kein verlogenes frommes Eiapopeia, sondern eine Kraft, die etwas bewegt und verändert, eine Kraft Gottes. „In ihm,“ so schreibt Paulus, „wird der Gott der Liebe und des Friedens mit Euch sein.“

Am Mikrophon verabschiedet sich von Ihnen Pfarrer Johannes Doering von der Evangelischen Kirchengemeinde Unna.

Musik: Raphael-Wressnig's Organic Trio "Boom Bello!" (Souljazz)  (LC 06281): Track  Banana Boogaloo

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