Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.07.08, Pfarrer Albrecht Philipps

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Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, ich mache einen Besuch bei einer Familie. Es ist ein Trauerbesuch. Der Vater ist mit 73 Jahren gestorben.

Nichts ungewöhnliches, denke ich. Viele Männer sterben ja in dem Alter. Die Frau und die Kinder erzählen aus seinem Leben. Was er für ein Mensch war. Wie er gestorben ist. Und sie sagen, was sie sich für die Trauerfeier wünschen. Soll es ein Vers aus der Bibel sein oder ein Spruch, der der Familie oder dem Verstorbenen wichtig war, frage ich.

Ja, sagt die Familie. Es gibt da einen Liedvers, der steht zwar nicht im Gesangbuch, aber der war ihm wichtig. Sogar so wichtig, dass er wie ein Motto für sein Leben war. Es ist die zweite Strophe des Liedes „Harre meine Seele“ von Johann Friedrich Räder. Schöne schlichte Bilder, denke ich, schade, dass das Lied heute nicht mehr im Gesangbuch steht und deshalb nur noch selten gesungen wird. Denn es sind ja gerade oft die schlichten und die einfachen Bilder und Texte, die den Menschen Halt und Trost geben können.

Sprecherin:
Harre, meine Seele, harre des Herrn!
Alles ihm befehle, hilft er doch so gern.
Wenn alles bricht, Gott verlässt uns nicht;
größer als der Helfer ist die Not ja nicht.
Ewige Treue, Retter in Not,
rett auch unsre Seele, du treuer Gott!

Mit diesem Liedvers hat es nämlich im Leben des gestorbenen Mannes eine besondere Bewandtnis. Er war noch in den letzten Monaten es Zweiten Weltkrieges eingezogen worden. Kurz nach seinem 19. Geburtstag. Nach schneller Ausbildung kommt er an die Front. Es gibt einige Kämpfe, bald aber ist der Krieg aus. Er kommt in Gefangenschaft. In Polen wird er zu schweren Aufräumarbeiten eingesetzt. Morgens werden im Lager die Toten zusammengetragen. Auf dem Marsch aus dem Lager zur Arbeit kommt er jeden Tag an einem kleinen Häuschen am Wald vorbei. Er denkt er: Da zu wohnen, in Frieden, das wäre das große Glück. Die Strapazen der Arbeit, die schlechte Ernährung machen seiner Gesundheit schwer zu schaffen. Deshalb wird er nicht nach Russland abtransportiert.

Im Lager tauschen die Gefangenen Bibeln und Gesangbücher aus. Die waren ihnen zugänglich gemacht worden. Mancher benutzt diese Bücher aber nicht zum Lesen oder Singen, sondern um mit dem dünnen Papier Zigaretten zu drehen. Die Blätter der Bücher werden klein geschnitten und verteilt. Auch er bekommt so ein Blättchen, und auf dem steht die zweite Strophe des Liedes „Harre meine Seele“. Er liest das und er erkennt darin seine eigene Lage. „Wenn alles bricht, Gott verlässt uns nicht. Größer als der Helfer ist die Not ja nicht“. An diese Hoffnung hält er sich fest.

Das Blatt bewahrt er in seiner Jackentasche auf. Ende 1945 kann er nach Hause fahren.. Und er nahm diese Strophe mit. Sie wurde sein Lebensmotto. Alles, war er vom christlichen Glauben verstanden hat, ist in darin zusammengefasst. „Größer als der Helfer ist die Not ja nicht.“


 

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