Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.07.08, Pfarrer Albrecht Philipps

Aktion Sühnezeichen

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, vor einigen Wochen bin ich in Frankreich gewesen. Genauer gesagt: in Nordfrankreich, in der Normandie.

Diese Gegend liegt mir nämlich am Herzen. Sie ist für mich eine der schönsten Landschaften. Bocage nennt man die Gegend, in der ich war, und das heißt übersetzt Wallheckenlandschaft. Die Felder und Wiesen sind durch Wallhecken voneinander getrennt. Dazwischen stehen viele Apfelbäume, aus dessen Früchten Cidre und auch der berühmte Calvados gemacht werden. Das klingt malerisch, nicht wahr. Und ein bisschen wie eine Märchenlandschaft ist diese Bocage-Landschaft auch. Kleine Dörfer und Höfe gibt es dort. Die Menschen in dieser Gegend sind sehr freundlich und einladend. In fast jedem Dorf steht eine alte romanische Kirche.

Ziel meiner Reise war ein kleines Dorf mit dem Namen St. Jean. Dort leben zwei Freiwillige der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste. Seit über 30 Jahren gibt es sie dort, die deutschen Freiwilligen. Eine Bauernfamilie hat ihnen eine alte Kate zur Verfügung gestellt, in der sie wohnen – unter ganz einfachen Bedingungen mit Plumpsklo, ohne Zentralheizung. Für ein oder zwei Jahre leben und arbeiten sie dort. Ich war auch einmal Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen dort in St. Jean.

Diese normannische Märchenlandschaft hat tiefe Risse. Im 2. Weltkrieg landeten hier die Alliierten. Über die Strände der Normandie erreichten 1944 Amerikaner, Briten, Polen, Kanadier, Norweger und Franzosen das europäische Ufer. Eine bedeutende Wende im Krieg. Das Ende von Hilterdeutschland hatte unwiderruflich begonnen. Viele schwere Kämpfe hat es in der Normandie gegeben. Die Bocage, die Heckenlandschaft, war nur schwer zu durchdringen. Ein Bauer hat mir erzählt, dass früher bei der Geburt einer Tochter eine Eiche gefällt wurde. Wenn die Tochter heiratete, hat man aus den Eichenbrettern einen typisch normannischen Schrank gemacht, als Mitgift für die Ehe. Seit 1944 sei das kaum noch möglich, weil die Bäume im Krieg Einschüsse oder Granatensplitter abbekommen haben und sich nicht mehr dazu eignen, schöne Schränke aus ihnen zu machen. Die Alten der Bocage erinnern sich noch an die deutsche Besatzung: etwa daran, dass die Deutschen eine Staffel von Holzflugzeugen in Originalgröße gebaut hatten und auf einem Acker aufstellten, um den Gegner bei seinen Luftaufnahmen zu täuschen. Die Engländer haben diese Holzflugzeuge dann mit Holzstücken bombardiert, psychologische Kriegsführung nennt man das vielleicht.

Viele Franzosen waren zur Zwangsarbeit in Deutschland, in Fabriken, in der Landwirtschaft oder in der Rüstungsindustrie. Der Begriff Sühnezeichen steht für die zeichenhafte Übernahme von Verantwortung für die Folgen des Nationalsozialismus durch die nachfolgenden Generationen. Vor 50 Jahren, 1957, hat Aktion Sühnezeichen begonnen, junge Menschen in die Länder zu schicken, die unter dem Nationalsozialismus gelitten haben. Die Verbrechen können nicht ungeschehen und auch nicht wiedergutgemacht werden. Doch durch konkretes Handeln konnte ein Prozess der Versöhnung in Gang gesetzt werden. In der Normandie bedeutet das: mit den Menschen dort zu arbeiten, auf den Höfen, bei Bauern, bei alten Leuten für den Winter das Holz zu hacken, oder mit benachteiligten Jugendlichen einen Fotokurs zu machen. Ein Zeichen der Versöhnung zu setzen in der Normandie, dieses Sühnezeichen ist bis heute da - und es ist notwendig. Nach wie vor.

Audiobeitrag Aktion Sühnezeichen


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