Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.07.08, Pfarrer Albrecht Philipps

Beten

„Alle guten Gaben, alles, was wir haben, kommt, o Gott, von Dir. Wir danken dir dafür. Amen.“ Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer!

So, oder mit anderen Worten, werden heute viele Menschen vor dem Essen beten. Das Tischgebet hat eine lange Tradition im Christentum. Viele Generationen haben vor dem Essen und nach dem Essen gebetet. Und auch heute ist das noch so. Manche sprechen ein freies Gebet, manche beten mit Worten, die sie zuhause kennen gelernt haben. Zum Beispiel: Komm Herr Jesu, sei Du unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast.

Dass man sich nicht einfach an den Tisch setzt, isst und trinkt, Hunger und Durst stillt, sondern zuvor ein Gebet spricht, vielleicht auch nur in Gedanken, das leuchtet allerdings nicht unmittelbar ein. Wozu beten, wenn alles da ist, was ich brauche, um satt zu werden? Beten in einer Kantine, an einer Imbissbude oder zuhause, wenn’s das Mittagessen gibt, was macht das für einen Sinn?

Auch unter Christen wird das Tischgebet seltener. Ich finde das schade! Sicher liegt das an den veränderten Essgewohnheiten, oft an der fehlenden Gemeinschaft beim Essen. Das Essen ist auch immer weniger etwas, was auch den Tagesablauf gliedert.

Viele meinen, ein Tischgebet mache auch nur Sinn, wenn es wirklich von Herzen komme. Nur keine leeren Formen und Formeln sagen. Ein Gebet sollte nicht Geplapper sein und nicht oberflächlich dahergesagt werden, das stimmt schon; das sagt ja auch schon Jesus. Aber wir schütten das Kind mit dem Bade aus, wenn wir dann  ganz aufs Gebet vor dem Essen verzichten. Stattdessen sagt man guten Appetit, oder einfach Mahlzeit, oder jeder fängt an, wenn er was auf dem Teller hat.

Wenn ich vor dem Essen bete, gebe ich mich als einer zu erkennen, der empfangen muss. Gebe mich zu erkennen als ein Wesen, das ununterbrochen darauf angewiesen ist, aus Gottes Händen zu empfangen, was nötig ist, was gebraucht wird, was sättigt und den Durst stillt. Und das gilt ja in besonderer Weise auch für das Essen. Dass wir überhaupt immer satt werden, genug zu essen und zu trinken haben, das können wir uns selbst nicht zuschreiben. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das Tischgebet hat seinen tieferen Sinn nicht darin, dass ich mich auf der Höhe des Tages innerlich ganz konzentriert auf Gott ausrichte.

Das Tischgebet hat vielmehr darin seinen tieferen Sinn, dass an der Stelle des Tages, wo ich mich stärke, wo ich meinen könnte, aus mir stark zu sein, Gott dafür danke. Dass ein Wort des Dankes über meine Lippen geht. Oder ein Dank mir durch den Kopf und durch’s Herz geht. Das Gebet vor dem Essen muss nicht ausgesprochen sein, es kann auch still gesprochen werden; es kann gedacht werden. „Danke Gott, dass ich satt werde, heute an diesem Tag!“

Wenn Sie heute zu Mittag essen, vielleicht sprechen Sie dann, oder denken Sie dann einen Dank an den, der uns nährt und unsern Hunger und unsern Durst stillt. In den Gebeten der Bibel, den Psalmen, wird das so gesagt: Aller Augen warten auf dich, Herr, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, nach deinem Wohlgefallen.

Audiobeitrag Beten


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