| |
Taschentuch
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! In meiner Hosentasche habe ich immer ein sauberes blüten-weißes Taschentuch.
Ich bevorzuge die aus Stoff und nicht die aus Papier. Diese Stofftaschentücher habe ich schon für ganz verschiedene Zwecke gebrauchen können: Mal mache ich damit den Kinder die Hände sauber. Ein andern mal wird in einem sauberen Taschentuch etwas eingewickelt, was mitgenommen werden soll, was wertvoll ist. Oder es wird schlicht zum Naseputzen gebraucht. Vielleicht ist das etwas altmodisch, aber mein Taschentuch ist in gewisser Weise ein tragbares Allzwecktuch. Deshalb muss es täglich gewechselt werden.
Manche Menschen machen sich auch einen Knoten hinein, wenn sie an etwas Besonderes erinnert werden wollen. Der Knoten im Taschentuch ist eine Gedächtnisstütze. Da war doch etwas, das ich erledigen wollte, was ich nicht vergessen darf. Aber das habe ich eigentlich noch nie gemacht.
Für mich ist das Taschentuch aber vor allem ein Trosttuch. Ob Sie es glauben oder nicht: Ich tröste mit diesem Tuch manchmal unsere Kinder. Ich trockne damit zum Beispiel ihre Tränen ab. Wenn sie hingefallen sind, wenn sie Grund zum Weinen oder Klagen haben. Kann ich mal Dein Taschentuch haben? fragen sie mich manchmal. Dann wird es auf die Beule gelegt, oder die Schürfwunde wird damit gereinigt, oder das Kühlpaket aus dem Eisfach wird darin eingewickelt. Manchmal reicht es auch schon, wenn sie sich damit nur die Nase schnaufen können. Irgendwie leistet dieses Taschentuch offensichtlich so etwas wie eine Verbindung zwischen Vater und Kind. Es hilft ihnen manchmal mehr als alle Medizin, obwohl es weder steril ist noch eine heilende Substanz enthält. Es ist einfach ein Stück Stoff. Und ein starkes Stück zum Trösten.
Ich glaube, wir brauchen solche Dinge, die Trost vermitteln können. Nicht nur als Kinder. Auch Erwachsene brauchen manchmal Trost. Nur wer als Kind getröstet wurde, kann auch als Erwachsener selber trösten und Trost annehmen. Denn das ist auch gar nicht so leicht, einmal ein tröstendes Wort oder eine gute Geste des Trostes anzunehmen.
Die Bibel ist eigentlich nichts anderes als ein Trostbuch. In ihr stehen die Geschichten, aus denen Menschen tiefen Trost schöpfen können. Einen Trost, der sogar angesichts der letzten großen Trostlosigkeit des Menschen, nämlich seines Sterbens, nicht einbricht, sondern wie ein festes Fundament hält.
Über diesen Trost hat der Dichter Matthias Claudius mal sehr schön gesagt. Wir brauchen jemanden, der uns hebe und halte, weil wir leben, und uns die Hand unter den Kopf lege, wenn wir sterben sollen. Und das kann Jesus überschwänglich, nach dem, was von ihm geschrieben steht, und wir wissen keinen, von dem wirs lieber hätten.
Taschentuch
|