Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.07.08, Pfarrer Albrecht Philipps

Die alten Eltern

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, Die Bibel empfiehlt dem Menschen, den Rat der Eltern zu hören und Vater und Mutter zu ehren.

Das ist sogar eines der 10 Gebote: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebst in dem Land, dass der Herr dein Gott dir geben wird. Dabei geht es in diesem Gebot nicht um Kinder, die ihren Eltern gehorchen sollen. Bei diesem Gebot geht es um das Verhältnis der erwachsenen Kinder zu ihren altgewordenen Eltern, die nicht mehr arbeiten können, die nicht mehr produzieren können. Sie sollen dennoch Teil der Gemeinschaft bleiben. Sie gehören in die Mitte und nicht an Rand. Die alten Menschen soll man ehren und ihnen mit Respekt begegnen, so sagt es die Bibel.

Als dieses Gebot niedergeschrieben wurde, hat noch niemand daran gedacht, dass wir einmal eine so hohe Lebenserwartung haben und dass deshalb so viele Menschen so alt werden. In diesem Gebot steckt eine Vermutung. Die Vermutung nämlich, dass der alte Mensch auch ein weiser Mensch ist. Dass es Lebensweisheit gibt, die man nur mit den Jahren bekommt. Aber: dass das nicht immer der Fall ist, wissen wir auch. Alter schützt vor Torheit nicht. Nicht jeder Mensch mit Lebenserfahrung ist auch ein weiser Mensch. Heute scheint vielmehr das Gegenteil wahr zu sein. Es kommt nicht mehr auf die Lebenserfahrung an, sondern darauf, dass man den Anschluss nicht verliert, dass man mitkommt in der schnellen Welt, in der wir leben. Das sind es oft die jungen, die besser mitkommen, die sich schneller anpassen können als die älteren Menschen.

Gerade deshalb ist es gut, wenn das alte Gebot von Liebe zu den Eltern und der Ehre, die man ihnen entgegenbringen soll, nicht verloren und vergessen wird. Die Gebrüder Grimm erzählen dazu:

„Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun beim Tisch saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floss ihm auch etwas aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deshalb musste der Großvater eines Tages hinter den Ofen in die Ecke sitzen, und sie gaben ihm sein Essen in einem irdenen Schüsselchen und dazu noch nicht einmal satt. Einmal auch konnte seine zittrige Hand das Schüsselchen nicht festhalten, da fiel es zur Erde und zerbrach. Da kaufte die Frau ihm ein hölzernes Schälchen für ein paar Heller, daraus musste er nun essen. 

Wie sie so dasitzen, so trägt der Enkel von vier Jahre auf der Erde einige Brettchen zusammen. "Was machst du da?", fragt der Vater. "Ich mache ein Tröglein", antworte das Kind. "Daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin." Da sahen der Mann und Frau eine Weile an und fingen an zu weinen, holten den Großvater zurück an den Tisch und ließen ihn von nun an immer bei sich mitessen.“

Audiobeitrag Die alten Eltern


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