Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.07.08, Pfarrerin Antje Rösener (Choralandacht)

"Wenn das Brot, das wir teilen" (eg 667)

Autorin: Frisches, knuspriges Brot, dem soeben erst die letzte Wärme des Backofens entwichen ist, dazu etwas Butter, eine leckere Marmelade,

am besten tiefrot, mit vielen Früchten, nicht zu süß...-  mir läuft beim Gedanken daran sofort das Wasser im Mund zusammen. Ich liebe es, frisches Brot zu schmecken, es anzuschauen, es zu riechen

Sprecher: „Brot ist ein im Ofen gebackenes Produkt, hergestellt aus einem Teig, den Hefe oder andere Triebmittel gelockert und aufgebläht haben. Bei dieser Gärung entsteht Kohlendioxid, das durch die beim Backen härter werdende Kruste am Entweichen gehindert wird, dadurch wird das Brot locker. Am besten eignen sich dafür Weizen und Roggen.“

Autorin: So kann man Brot verstehen, definieren, beschreiben. Oder so:

Choral: „Wenn das Brot, das wir teilen als Rose blüht und das Wort, das wir sprechen, als Lied erklingt, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt, ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht, in der Liebe, die alles umfängt, in der Liebe, die alles umfängt.“ 

Autorin: Wir wissen es alle: Brot ist mehr als Brot. Brot ist mehr als ein im Ofen gebackenes Produkt. Mit Brot verbinden wir Mahlzeiten, die uns stärken und sättigen, angefangen vom schlichten Pausenbrot bis hin zum Brot, das bei Festmahlen gereicht wird. Mit Brot verbinden wir Genuss, Gemütlichkeit und Gemeinschaft. Denn in der Tat, ein leckeres Brot in fröhlicher Runde mit anderen geteilt, das gibt einem Tag eine besondere Note.

„Wenn das Brot das wir teilen als Rose blüht...“- so begann das Lied, das wir eben gehört haben. Ein Lied, das 1981 noch in der DDR entstanden ist. Claus Peter März hat den Text geschrieben. Anlass waren die Feiern zum 750. Todestag der Elisabeth von Thürigen. Er wurde wenige Monate später von Kurt Grahl vertont und auf einer Wallfahrt von Jugendlichen zu den Stätten der heiligen Elisabeth täglich mehrstimmig gesungen.

Die Anfangszeile dieses Liedes spielt auf die Legende vom „Brotwunder“ der  Elisabeth von Thüringen an. Elisabeth lebte als junge Frau des Landgrafen von Thüringen auf der Wartburg in Eisenach. Sie nutzte ihre privilegierte Stellung und half den Kranken und Armen in ihrer Region auf alle erdenklichen Weisen. Und das, obwohl es ihr Ehemann ihr verboten hatte.

Einmal soll sie in ihrer Schürze versteckt Brot für die Armen aus der Burg getragen haben. Dem Landgrafen war das suspekt, er befahl ihr, die Schürze zu öffnen. Als sie das tat, fanden sich lauter wunderschöne Rosen darin - obwohl die Zeit der Rosenblüte längst vorbei war.  „Geh’ nur deines Weges“ soll ihr Mann, der mächtige Landgraf daraufhin gesagt haben, bevor er selbst still und nachdenklich von dannen zog.

Wenn  Brot geteilt wird, beginnt das Leben zu blühen – so erzählt es die Legende, so besingt es das Lied. Wenn Brot geteilt wird, ist Liebe im Spiel, tiefe, echte, ernsthafte Liebe – denn für eine solche steht die Rose. Wenn Brot geteilt wird, entsteht etwas, das mehr ist als Hefe, Roggen und Kohlendioxid:

Sprecher: Dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt, ja dann schauen wir heut schon sein Angesicht in der Liebe, die alles umfängt.

Choral: Strophe 1 und 2: Wenn das Brot, das wir teilen als Rose blüht und das Wort, das wir sprechen, als Lied erklingt, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt, ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht, in der Liebe, die alles umfängt, in der Liebe, die alles umfängt.
Wenn das Leid jedes Armen uns Christus zeigt und die Not, die wir lindern, zur Freude wird, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt, ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht, in der Liebe, die alles umfängt, in der Liebe, die alles umfängt.

Autorin: Vielen Menschen haben heute eine unbestimmte Sehnsucht danach, mit Gottes Kraft, die schützt und stärkt, in Berührung zu kommen. Sie suchen eine Antwort auf die Frage: „Wie erfahre ich ihn, wie kann ich mir gewiss sein, dass es Gott gibt?“

Dieses Lied gibt eine nicht ganz bequeme Antwort darauf: Teile dein Brot, verschließe die Augen nicht vor dem Leid anderer, lindere Not, wende den Blick weg von dir selbst, weg von deinem eigenen Vorteil, da warten andere auf dich, da gibt es eine Aufgabe. Wo das geschieht, so wiederholt es der Refrain einprägsam, hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut. Wo das geschieht, erlebst du etwas von Gottes Schutz und Wärme.

Dieses Lied – und das ist seine Stärke - trennt das Nachdenken über Gott nicht vom Handeln in dieser Welt. Es zeigt uns: Wenn ich in dieser Welt handle, dann erhalte ich auch eine Antwort auf die Gottesfrage.  Wo das Brot geteilt wird, da ist Gott uns nahe: Wir beginnen, einander wahr zu nehmen, miteinander zu reden, Freude bereitet sich aus, Hunger wird gestillt. Es war der große Mystiker Meister Eckart, der im Mittelalter einige Jahrzehnte nach dem Tod von Elisabeth von Thüringen folgende Sätze niederschrieb:

Sprecher: „Gott gibt keine Gabe, noch gab er je eine, nur damit man die Gabe habe und sich damit zufrieden gebe, nein, alle Gaben, die er gegeben im Himmel und auf Erden, die gab er nur mit dem Zweck, eine einzige Gabe geben zu können. Das ist er selbst.“

Autorin: Gott schenkt uns seine Nähe, seine Gegenwart in den vielen Gaben, die wir tagtäglich genießen und miteinander teilen dürfen. Oder anders gesagt: Ich verliere nicht, wenn ich gebe,  denn im Geben, im Teilen gewinnen alle – Nähe Gottes, Perspektiven und Hoffnung.

Choral: Wenn der Trost, den wir geben, uns weiter trägt und der Schmerz, den wir teilen, zur Hoffnung wird, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt, ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht, in der Liebe, die alles umfängt, in der Liebe, die alles umfängt!  

Autorin: Liebe Hörerin und Hörer, die Zeit ist reif für die Botschaft dieses Liedes. Nach vielen Jahren, in denen wir – übrigens auch in der Kirche - die Frage nach der Gerechtigkeit nur noch versteckt und leise zu stellen gewagt haben, erlebe ich im Moment ein dringend notwendiges Aufwachen. Der dritte Armutsbericht in Deutschland belegt, wie sehr die Schere zwischen Armen und Reichen nicht nur weltweit, sondern auch hierzulande, auseinander klafft.

10 % der Bevölkerung hier bei uns besitzen 60 % des Gesamtvermögens, die Mittelschicht schrumpft weiter, das Gros der armen Arbeitnehmer nimmt zu, jeder dritte Haushalt von Alleinerziehenden gilt als arm und die Folgen der wachsenden Kinderarmut sind ein Skandal für eine immer noch so reiche Gesellschaft wie der unsrigen.

„Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht“ - wir brauchen die Visionen dieses Liedes. Denn es spricht eine andere Sprache, als die vieler Konzerne, in denen es ohne Rücksicht auf Mensch und Natur nur noch um die Maximierung des eigenen Gewinnes geht. Es erinnert an eine wohlhabende Frau, Elisabeth von Thüringen, die spürte, dass sie zu Größerem berufen ist, als nur Schätze zu sammeln und zu horten. Es erzählt von einem Gott, der uns im Teilen nahe kommt, Hoffnung schenkt und mit Liebe umfängt.

Choral: Wenn das Brot, das wir teilen als Rose blüht und das Wort, das wir sprechen, als Lied erklingt, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt, ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht, in der Liebe, die alles umfängt, in der Liebe, die alles umfängt.
Wenn der Trost, den wir geben, uns weiter trägt und der Schmerz, den wir teilen, zur Hoffnung wird, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt, ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht, in der Liebe, die alles umfängt, in der Liebe, die alles umfängt!

Das war Kirche in WDR 3 mit Pfarrerin Antje Rösener aus Hattingen über den Choral “ Wenn das Brot, das wir teilen“ Es sang der Chor des Instituts für Kirchenmusik aus Mainz unter der Leitung von Mechthild Britsch-Molitor.


Audiobeitrag "Wenn das Brot, das wir teilen" (eg 667)


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