Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.07.08, Pfarrer Jost Klausmeier-Saß

Wunder des Alltags

O-Ton: Also mit 13 Jahren hat’s mit Alkohol angefangen und dann kam halt nach und nach dieser sogenannte Strudel, -

Cannabis, auch Amphetamine, XTC, LSD und auch hin und wieder Heroin hab ich genommen. Und das bis zu meinem 24. Lebensjahr.

Autor: Mein Schüler Thomas Hempel, Azubi im Maler- und Lackiererhandwerk, ist einen schweren Weg gegangen. Sein halbes Leben lang - war er drogenabhängig. Elf Jahre Lebensgeschichte als Drogengeschichte.

O-Ton: "Am Anfang war’s alles schön und gut, da hat man ab und zu n bisschen was geraucht und auch mal was Alkohol getrunken. Und – ich hab’s nicht gesehen, dass ich in die Sucht reinfalle."

Autor: Doch der Absturz kam unaufhaltsam. Thomas Hempel sah die Gefahr nicht. Warnungen und Hilfsangebote seiner Familie lehnte er strikt ab:

O-Ton: "Ja, die ganze Familie hat drunter gelitten und ich hab das selber, hab ich das nicht gesehen, ne. Ich habe auch selber nicht gesehen, wie schlecht es mir eigentlich ging. das war ne sehr schwere Zeit auch für meine Eltern, vor allen Dingen – mein Vater hat oft an Selbstmord gedacht, weil er halt nix dagegen machen konnte."

Autor: Bei aller Verzweiflung über das Leben seines Sohnes hat Thomas’ Vater dennoch versucht, seinen Sohn vor noch größeren Problemen zu bewahren:

O-Ton: "Mein Vater hat mich immer unterstützt darin, dass ich keine Beschaffungskriminalität begehe. Er hat mir Jobs besorgt, dass ich Geld verdienen kann. Dass ich halt nicht kriminell werde, Einbrüche begehe und mit der Polizei in Konflikt komme. Damit bin ich straffrei geblieben."

Autor: Trotzdem: der Abstieg ging erst einmal unaufhaltsam weiter. Bis zu diesem Tag:

O-Ton: "Und zwar hatte ich einen guten Freund, der war damals 19, ich war 23, und den hat man in Bonn, in einer Dixie - Toilette auf einer Baustelle gefunden. Und der hatte ne Überdosis Heroin gespritzt. Und der ist damals mit 19 Jahren gestorben. Und da hat’s bei mir im Kopf „Klick“ gemacht, ne – und da hab ich mir gesagt: „ich muss irgendwas machen“.

Autor: Was folgte, war ein erster Therapieversuch, der scheiterte und ein zweiter, der gelang. Seit zwei Jahren ist Thomas Hempel clean: über seine Zeit in der Sucht dieses Fazit:

O-Ton: "Ich denke sehr oft da dran. An diese Zeit. Und ich bin natürlich traurig. Bin der Älteste in der Klasse. Ich hab halt sehr viel weggeschmissen. Sehr viele Jahre weggeschmissen. Ich hab damals viele Ausbildungen angefangen. Abgebrochen. Durch die Sucht. Das ist traurig. Aber andererseits bin ich stolz darauf, jetzt meine Ausbildung zu machen. Und ich bin mit der Beste in der Schulklasse und auch auf der Arbeit bin ich sehr anerkannt."

Autor: In der Bibel würde Thomas Hempels Geschichte eine Wundergeschichte genannt werden. Und es ist ja auch eine: nach elf Jahren den Ausstieg zu schaffen. Doch noch die Kurve ins Leben zu kriegen. Den Tod schon vor Augen. Was das Wunder möglich gemacht hat?:

O-Ton: "Erstens: mein Wille. Zweitens: der Gedanke an meinen Freund, was mit ihm passiert ist und drittens: meine Familie, die mich so unterstützt hat, und mir immer weiter geholfen hat."

Autor: Wunder geschehen mitten im Alltag. Aber sie brauchen offenbar auch Wundertäter. Eine Familie zum Beispiel, die einen nicht fallen lässt. Menschen, die zu einem halten und das Wunder möglich werden lassen. Einem das Gefühl geben, dass man auch als verlorener Sohn nicht verloren ist.

O-Ton: "Als ich in Therapie war, waren viele in meinem Alter da, wo die Eltern den Kontakt komplett abgebrochen haben. Die hatten keinen Kontakt mehr zur Familie, die hatten keine Freunde mehr, die hatten gar nichts mehr die waren ganz auf sich alleine gestellt. Ich bin sehr stolz auf meine Eltern und ich bedanke mich auch bei denen, dass die mich immer weiter unterstützt haben. Und das hat mir die Kraft gegeben, das weiter durchzuhalten, bis heute."

Audiobeitrag Wunder des Alltags


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen