Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.07.08, Pfarrer Jost Klausmeier-Saß

Sommergedanken

Urlaubstage, Sommergefühle. Leichtigkeit.Vormittags im Eiscafé. Frauen gewähren im Vorübergehen Einblicke. Führen neueste Mode vor.

Männer balzen im Vorüberfahren in Cabrios um Aufmerksamkeit. Präsentieren Muskelpakete und Sonnenbrillen. Und zum Glück wird ein Parkplatz schräg gegenüber vom Eiscafé frei und der Tiefergelegte kann nach der neunten Runde um den Block endlich eingeparkt werden. Was für ein Leben im Sommer. Als gäbe es nur eine Aufgabe: „Gesehen werden“. Sommerphantasien – ach, wenn das doch immer so bliebe. So leicht und schön und unbeschwert!

Nachmittags in der Notaufnahme des Krankenhauses. Der Sohn hat sich bei einem Fahrradsturz einen Finger gebrochen. Nichts Gravierendes. Wir warten, denn der Arzt in der Notfallambulanz hat heute Hochbetrieb. Vor uns an der Reihe noch eine alte Frau, die zu Hause gestürzt ist und nun angstvoll auf ihren Röntgenbefund wartet. Und der junge Mann mit den seltsamen Schmerzen im Leib, schon seit Tagen. Nicht mehr zum Aushalten, Unerklärlich. Angst unter gebräunter Haut. Man spricht leise an diesem Ort. Und dennoch wissen alle im Warteraum, warum die Anderen hier sind. Unfreiwillige Schicksalsgenossen. Leidende. Alle.

Das sind wir: machen uns mitunter vor, das Leben sei nur leicht und das Wesentliche sei unsere Oberfläche. Das Werben um die Anerkennung der Welt. Aber wie zerbrechlich sind wir eigentlich!, Wie dünn ist das Eis, auf dem wir unsere schönen Pirouetten drehen. Was sind wir gefährdete Existenzen! Ambivalente Gestalten. Können uns selbst inszenieren, als wären wir die Helden der Welt und geraten doch schnell an Grenzen: -  wenn der Bauch schmerzt, der Knochen bricht, wir uns hilflos fühlen. Wir inszenieren uns als Stars des Sommers, und wenn wir Pech haben, werden wir nur Stunden später aus unseren Träumen herausgeschleudert. Gerade noch bewundert, jetzt schon zu bedauern. Gerade noch Hochglanz, nun ist der Lack ab. Von „Sich unsterblich – Fühlen“ zu „Zerbrechlich sein“ innerhalb von Sekunden oder Stunden. Das sind wir. Menschen eben.

Fazit eines Sommertags, frei nach Kohelet, einem Weisheitslehrer aus der Bibel: „Was hat der Mensch von all seiner Mühe und dem Streben seines Herzens, wofür er sich unter der Sonne abmüht? Ist das nicht alles Windhauch? Einbildung? Fassade? Bleib doch bescheiden Mensch! Iss dein Brot mit Freuden und trink deinen Wein mit gutem Gefühl.“ Und deinen Eiscafé sicher auch. Genieße das Leben mit der Frau oder dem Mann, die du liebst, solange du dein eitles Leben hast, das dir Gott unter der Sonne geschenkt hat. Lebe bewusster mit deinen Grenzen. Mach dir nichts vor, du bist ein Teil alles Vergänglichen! Deshalb gibt’s nichts besseres, als fröhlich zu sein und es sich in seinem Leben gut gehen zu lassen. Denn ein Mensch, der isst und trinkt und guter Dinge ist, trotz all seiner Mühen, der ist eine gute Gabe Gottes.

Audiobeitrag Sommergedanken


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