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Gewagt
Jetzt liegt sie da. Er steht vor dem Wickeltisch und kann es immer noch nicht so ganz glauben. Dreieinhalb Kilo schwer, 50 cm groß, alles dran:
Finger, Zehen, Nase, Mund, Ohren. Seine Tochter. Ein ganz kleines Leben. Oder eigentlich ein ganz großes. Weil bislang so wenig davon verbraucht ist.
So liegt sie da. Unfähig zu sprechen, zu laufen oder mit den Händen irgendetwas Sinn¬volles zu tun. Aber voller Vertrauen auf ihn, ihren Vater. Offenbar geht sie ganz selbstverständlich davon aus, dass er ihr nur Gutes tut, die Windel wechselt, ihr noch etwas zu Trinken gibt und sie auf dem Arm schaukelt. Faszinierend, so ein Urvertrauen.
Und während er nun tatsächlich anfängt, die volle Windel aufzumachen, denkt er zurück. An den Sommerabend auf dem Balkon. Als seine Frau ihn fragte: Wie ist das jetzt? Willst du noch ein Kind oder nicht? Sie wollte gerne, das hatte sie gesagt. Aber er zögerte. Einerseits ist ein Kind was Schönes. Das hat er bei den beiden Jungs gemerkt. Und es wäre toll, noch einmal am Beginn eines Lebens beteiligt zu sein. Aber er hatte auch Angst. Mit den Jungs war es manchmal schon schwierig genug. Und natürlich wusste er: Der Stress wird nicht weniger, wenn noch ein Kind dazu kommt.
Er hat dann doch Ja gesagt. Weniger aus Vernunftgründen. Sondern weil er aus dem Bauch heraus merkte: Das ist das Richtige. Von diesem Bauchgefühl hatte er sich tragen lassen.
Alles Weitere hatte geklappt. Schwangerschaft, Geburt - alles gut gegangen. Und wie schon bei den ersten beiden Geburten war er im Kreißsaal wieder ein bisschen religiös geworden. Da schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, ob es nicht doch einen Gott gibt, dem er dieses Leben irgendwie zu verdanken hatte. Ein Gedanke, der ihm sonst nie kam. Nach den ersten beiden Geburten hatte er ihn auch schnell wieder vergessen. Aber diesmal ließ ihn diese Vorstellung nicht los. Besonders als einige Wochen später bei Freunden plötzlich ein Bild von der Wand fiel und eine riesige Glasscherbe aus dem Bilderrahmen direkt vor seiner Tochter landete. Ohne sie zu verletzen.
An diesem Tag wurde ihm bewußt, daß er das Leben tatsächlich nicht in der Hand hatte. Nicht das seiner Tochter und nicht sein eigenes. Aber das machte ihm keine Angst. Vielmehr merkte er, wie das Vertrauen wuchs, das sich im Kreißsaal so vorsichtig angekündigt hatte. Denn jetzt hatte er nicht nur erfahren, dass das Leben etwas Kostbares ist. Sondern auch, dass es bewahrt wird. Offenbar gibt es noch jemand ganz anderen, dem das Leben dieses kleinen Mädchens am Herzen liegt. Und er beginnt zu glauben, dass ihn das Vertrauen auf diesen Gott nicht mehr loslassen wird.
Gewagt
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