Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.06.08, Oberkirchenrat Klaus Eberl

Ein Grab, das eine Liebesgeschichte erzählt

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Ich bin Klaus Eberl, Pfarrer und Oberkirchenrat in Düsseldorf. In der Evangelischen Kirche im Rheinland bin ich für Schulen

zuständig. Wenn ich mit offenen Augen durch die Welt gehe, kann ich aber überall etwas entdecken und lernen. Ich möchte Ihnen von einem Friedhof erzählen, der mich fasziniert. Friedhöfe sind normalerweise traurige Stätten. Es wird geweint und Abschied genommen. Aber manchmal sind sie auch eine Schule für’s Leben. So wie der Psalmist sagt: „Herr, Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ (Ps 90,12). Hinter den Steinen und Kreuzen, den Namen und Daten, ist oft noch eine andere Botschaft verborgen. Ich erfahre, was den Menschen wichtig war, wofür sie gelebt und gekämpft haben. Und was der einzige Trost im Leben und im Sterben ist.

Mein liebster Friedhof befindet sich in Roermond, kurz hinter der Grenze in der niederländischen Provinz Limburg. Der alte Kirchhof ist ein ehrwürdiger Ort, mehr als zweihundert Jahre alt. Im Schatten der Kapelle von „Onze Lieve Vrouw in t’Zand“ stehen pompöse Mausoleen neben unscheinbaren Gräbern. Und imposante Denkmale erinnern an die Großen der Stadt. Selbstdarstellungen in Stein und Marmor wollen in rührender Naivität Ruhm und Ehre der Vergänglichkeit entgegensetzen.

Zwischenmusik: Ufermann: Befiehl du deine Wege

Natürlich werden auf Friedhöfen auch große Lieben zu Grabe getragen. An einer abgelegenen Stelle des Roermonder Friedhofs befindet sich ein besonderes Grab. Es erzählt von der Liebe zweier Menschen aus dem 19. Jahrhundert - als Zeichen für die Nachwelt, als Schule für’s Leben.

Friedhöfe sind ein Spiegel der Zeiten. Und weil die Welt - und darum auch der Tod - geordnet sein muss, trennt seit alters her auf dem Roermonder Friedhof eine Backsteinmauer den großen katholischen Teil vom kleinen protestantischen - und beide zusammen vom winzigen jüdischen. Eine Mauer zwischen den Konfessionen und Religionen. Heute, im Zeichen der Ökumene, scheinen die Grenzen zwischen den Kirchen nicht mehr so wichtig zu sein. Im 19. Jahrhundert trennten sie Welten und Menschen. Ältere Paare in konfessionsverschiedenen Ehen können durchaus ein Lied davon singen, dass es noch vor wenigen Jahrzehnten nicht leicht war, diese Grenze zu überspringen. Sie sehnen sich nach Gemeinschaft, die das Trennende überwindet. Denn die Liebe macht solche Mauern lächerlich.

Jacobus und Josefine Gorkum liebten sich so, dass keine Mauer sie trennen konnte. Jacobus wurde 1803 in Amsterdam geboren. Seine Familie war - wie die meisten Leute in der Hauptstadt - protestantisch. Wie seine Vorfahren schlug er die Militärlaufbahn ein. Irgendwann muss es ihn nach Roermond verschlagen haben, wo er seine große Liebe traf: Josefine. Josefine wurde 1820 als Tochter des Freiherrn van Aefferden geboren. Eine streng katholische Limburger Familie von adligem Stand. So steht es auf dem Grabstein. Keine guten Voraussetzungen für eine Ehe im Zeitalter konfessioneller und sozialer Trennungen. Aber das ungleiche Paar überwand alle Widrigkeiten und heiratete. Adlig oder bürgerlich - was spielt das für eine Rolle? Grenzen der sozialen Ordnung - egal. Mauern zwischen den Kirchen - belanglos. Die Liebe von Jacobus und Josefine war legendär in Roermond. Ich kann mir ausmalen, was es im 19. Jahrhundert bedeutete, nicht der Konvention zu folgen. Ein Skandal! Die Familien werden nicht begeistert gewesen sein. Was ist nur in Jacobus gefahren, dass er sich Hals über Kopf in eine Katholikin verliebt! werden die Gorkums gedacht haben. Und die hohe Familie des Freiherrn van Aefferden war entsetzt: Wie kann sich Josefine einem Protestanten, noch dazu einem Bürger, an den Hals werfen! Eine Schande!

Zwischenmusik: Stacy Kent, What the world needs now is love sweet love

Der Grabstein belegt: Diese ungleiche Liebe war stark und fest und ließ sich durch die schwierigen Umstände nicht beirren. Die Ehe hielt bis ans Lebensende. Fünf Kinder bekam das Paar, und alle waren glücklich miteinander. Wenn es Märchen wäre, würde man sagen: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Aber es war kein Märchen. Nur eine starke Liebe. Jakobus starb im Jahre 1880.

Mit dem Tod von Jacobus stellte sich ein neues Problem. Hatte das Ehepaar im Leben eine kunstvolle Brücke zwischen den Konfessionen gebaut, so drohte es im Tod entzweit zu werden. Die starre Ordnung der Stadt Roermond ließ keine gemeinsame Grabstätte für die katholische Josefine und den protestantischen Jacobus zu. Der katholische und der protestantische Teil des Kirchhofs war durch eine hohe Backsteinmauer getrennt. Was tun? „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“, bekennt ein Beter Israels (Ps 18,30). Und tatsächlich sprang auch die Familie Gorkum. Denn Liebe sucht immer ungewöhnliche Wege. In einem abgelegenen, ärmeren Teil des Friedhofs bekam Jacobus eine Grabstätte direkt an der Mauer. Und Josefine sicherte sich ein Grab genau auf der anderen Seite. Wenn sie nicht in ewiger Ruhe nebeneinander liegen konnten, so doch wenigstens Kopf an Kopf. Als Josefine einige Jahre später starb, wurde sie genau gegenüber begraben. Die Kinder, die in die Schule dieser Grenzen überwindenden Liebe gegangen waren, ließen auf beiden Seiten zwei gleiche, schneeweiße Grabmale errichten. Sie sind gut drei Meter hoch und überragen die trennende Mauer nicht wenig. Und aus jedem Grabstein ragt ein Arm über die Mauer hinweg. Josefine und Jacobus halten seither ihre Hände fest verschlungen. Ein Grab, das eine Schule für’s Leben ist. Es zeigt, wie die Liebe Grenzen überwindet. Zu Recht schwärmt das Hohelied der Bibel: „Liebe ist stark wie der Tod!“ (Hld. 8,6)

Eigentlich müssten Christenmenschen besonders kreativ sein, wenn es darum geht, Mauern zu überspringen und Trennendes abzubauen. Wie Jacobus und Josefine. Denn sie wissen: wir sind geliebte Söhne und Töchter Gottes. Aber das ist nicht einfach. Wer Schlagbäume zersägt und Mauern einreißt, geht Risiken ein. Liebe ist immer ein Wagnis.

Wenn ich das „Grab mit den Händen“, wie es in Roermond heißt, betrachte, muss ich an die vielen Grenzen denken, die es noch in der Welt gibt und an all das Trennende, das Jesus überwinden musste. Auch seine Liebe zur Welt: Ein Wagnis! Es hat ihn nicht davon abgehalten, Barrieren mutig einzureißen oder sie phantasievoll zu überwinden. Und Brücken zu bauen, wo andere nur tiefe Gräben sehen. Das hat ihn leiden lassen. Das hat ihn an’s Kreuz gebracht. Aber es hat uns die Freiheit geschenkt, fröhlich auf Mauern zu balancieren, die sich unnötig wichtig nehmen.

Die Urkunden des Glaubens zeugen davon, dass er die Grenze zwischen den Völkern und Kulturen auflöst, indem er sein Heil allen zusagt. Der ganzen Welt. Nicht einer exklusiven Gruppe Auserwählter. Gottes Liebe schließt nicht aus. Sie stiftet Gemeinschaft, die tragfähig ist auch in den Krisen und Auseinandersetzungen des Alltags. Gott liebt die ganze Welt mit all ihren Brüchen und Unzulänglichkeiten, mit Schuld und Versagen.

Er verbindet Reiche und Arme - und macht das Teilen zu einer Angelegenheit des Glaubens. Gottes Liebe hebt die Grenze zwischen den Geretteten und Verlorenen auf, weil sich ja niemand am eigenen Schopfe aus dem Sumpf ziehen kann. Keiner kommt ohne Hilfe und Vergebung aus. Gottes Liebe kommt uns sogar entgegen. Der Sohn, der aufbricht, um seine Freiheit zu erproben, muss im Scheitern nicht zu Kreuze kriechen. Der Vater wartet mit offenen Armen. Denn jedem steht in der Perspektive des Glaubens mehr Anerkennung, mehr Zukunft zu, als er nach rein menschlichem Maß verdient.

Zuletzt und endgültig hebt die Liebe Gottes auch die bitterste Grenze auf, den Abgrund zwischen Tod und Leben. Eine Grenze, die wehtut wie ein Stachel im Fleisch. Jesus, der Gekreuzigte, wird auferweckt. Wo alle das Ende sehen, blüht ein neuer Anfang. Christus lebt und ist in seiner Gemeinde gegenwärtig.

Zwischenmusik: Hans Zimmer: Now we are free

An all das muss ich denken, wenn ich auf das „Grab mit den Händen“ schaue. Auch an die Mauern, die es noch immer gibt. Sie sind meist nicht aus Steinen gebaut. Aber sie trennen schmerzhaft die Welt, in der wir leben. Unsichtbar zerschneiden sie, was Gott zusammengefügt hat. Die Beispiele sind den meisten Menschen bewusst und gerade deshalb ein Skandal!

In kaum einem Land sind Bildungschancen der Kinder so abhängig vom Einkommen der Eltern wie bei uns. Ohne eine abgesicherte Familie sinken die Perspektiven von Schülern dramatisch. Die Aussortierung ist früh abgeschlossen. Nach wenigen Schuljahren sind die Fronten im großen ganzen abgesteckt. Die Schulversager erkennen sich selbst bereits als Schulversager. Die Sieger enteilen mit Siebenmeilenstiefeln. Lernen, das auf die Bedürfnisse des Einzelnen eingeht - wie ist das mit 35 Schülern in einer Klasse möglich? Durchlässigkeit der Schulformen oder eine Schule für alle, die jedem Kind die Förderung zukommen lässt, die es braucht - wer will das wirklich bezahlen? Dazu wäre eine große Liebe nötig wie die von Jacobus und Josefine - und die Phantasie, Mauern zu überspringen - zumindest aber den eigenen Schatten.

Offenbar haben wir wenig dazugelernt seit den Zeiten konfessioneller Trennungen. Den ordnungsversessenen Stadtvätern von Roermond, die ihren Friedhof in getrennte Bereiche aufteilten, haben wir nichts voraus. Nach Jahren der Euphorie hat das Schiff der Ökumene kräftig Gegenwind bekommen. Die Gegensätze zwischen den Kirchen und mehr noch zwischen den Religionen sind längst nicht überwunden. Das Wagnis der Einheit ist ein schwieriges Projekt: Einheit in der Vielfalt. Gemeinschaft mit ganz unterschiedlichen Profilen im Wissen, dass wir der Ergänzung bedürfen. Niemand ist ganz und vollkommen ohne den anderen.

Ich schaue auf die Mauern und denke an das, was Menschen sichtbar und unsichtbar trennt. Wer streckt die Hand aus, um Grenzen zu überwinden? Wer hat die Phantasie, Trennungen lächerlich zu machen? Wer traut der Liebe mehr als allem Streit? Wer glaubt Gott? Im Johannesevangelium lese ich von der Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh 3,16). Wer das lernen will, kann bei Jacobus und Josefine in eine gute Schule gehen.

Schlussmusik: Hans Zimmer: Now we are free

 

Audiobeitrag Ein Grab, das eine Liebesgeschichte erzählt


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