Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.06.08, Pastor Christoph Neumann

"Vater sein"

„Vater werden ist nicht schwer, Vater sein hingegen sehr“ so heißt es bei Wilhelm Busch. Es ist wirklich nicht leicht, Kinder zu erziehen und die Aufgaben eines Vaters so zu

erledigen, dass verantwortungsbewusste Leute dabei herauskommen. Menschen, die ihr Leben auf die Reihe kriegen. Und die, wenn Not am Mann ist, hilfsbereit sind und anpacken. Leicht war das wohl noch nie. Denn schon in der Bibel werden uns Familiengeschichten erzählt, in denen die Väter und Mütter mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatten wie wir heute.

Da ist zum Beispiel Jakob, der Sohn Abrahams. Er hat, wie es zur Zeit des Alten Testamentes üblich war, eine Großfamilie. Zwölf Söhne gehören dazu und zwei Ehefrauen. Das war damals durchaus erlaubt.  Die Söhne sind mittlererweile erwachsen und helfen auch schon kräftig bei der Arbeit mit. Und das war auch nötig. Denn Jakob, das Familienoberhaupt besaß eine große Viehzucht mit Schafen und Rindern.

Zu Josef, dem zweitjüngsten der Söhne, hatte Jakob ein besonderes Verhältnis. Josef war ein Sohn der Rahel und die war die große Liebe im Leben des Jakob. So empfand Jakob eine besondere Zuneigung zu diesem Sohn.

So weit so gut. Wer Vater oder Mutter von mehreren Kindern ist, weiß, dass das Verhältnis zu den Kinder sehr verschieden sein kann. Auch wenn sich Eltern noch so bemühen: manchmal hat man das eine Kind doch ein bisschen lieber als das andere. Es gibt Kinder, die sind offen und unkompliziert. Sie zeigen ihre Gefühle und sagen, was sie denken. Andere sind verschlossen und wenig zugänglich. Da bleibt es eben nicht aus, dass Eltern auch unterschiedliche Beziehungen zu ihren Kindern bekommen. Trotzdem müssen alle Kinder das Gefühl haben, von den Eltern geliebt und geachtet zu werden. Und dass es gerecht zugeht. Es scheint, als sei dies eines der größten Schwierigkeiten in der Erziehung.

Auch Vater Jakob bekommt hier seine Probleme. Er bevorzugt seinen Lieblingssohn Joseph so deutlich, dass es niemand mehr übersehen kann. So kauft er zum Beispiel dem kleinen Josef richtig farbenfrohe Anziehsachen. Bunte Kleider waren damals besonders teuer. Und nicht nur das. Das Kleid für Josef war langärmlich. So etwas zog man nur zu Festen und Feiern an. Arbeiten konnte man damit nicht.

Und so braucht auch Josef nicht zu arbeiten, wie seine älteren Brüder. Er macht lediglich Botendienste. Sein Vater schickt ihn aufs Feld, wo die anderen hart arbeiten müssen, um nach zu schauen, ob alles in Ordnung ist. Klar, dass die Brüder sich fürchterlich ärgern über den kleinen Kontrolleur. Das bunte Kleid wird ihnen zum roten Tuch. Dazu kommt noch, dass Josef überheblich wird. Er träumt davon, einmal ganz groß raus zu kommen. Größer als seine Eltern. An dieser Stelle wird es auch Vater Jakob zu viel und er weist seinen Jüngsten zurecht. Aber da ist es schon zu spät.

Der Famliensegen hängt ziemlich schief. Und es wird noch schlimmer kommen. Aber das erzähle ich Ihnen in den nächsten Tagen. Für heute reicht es zu wissen, und sich in Erinnerung zu rufen: bei Kindern darf aus den Gefühlen der Zuneigung keine Bevorzugung werden. Das Portmonai bei den Kindern nicht unterschiedlich weit aufgehen und die Jobs in der Familie müssen gerecht verteilt werden. Das ist in der Praxis wirklich nicht einfach. Aber daran führt kein Weg vorbei, wenn es nicht wie im Falle Jakobs und Josephs zu einer Katastrophe kommen soll.

 

Audiobeitrag "Vater sein"


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