Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.07.08, Pastor Christoph Neumann

"Kinder"

„Bruder Jakob, schläfst du noch? Hörst du nicht die Glocken?“ So möchte man singen. Jakob, Vater einer Großfamilie im alten Israel scheint zu schlafen.

Da braut sich was zusammen unter den Kindern. Die Wut der Brüder gegenüber Josef, dem zweitjüngsten, der vom Vater überdeutlich bevorzugt wird, breitet sich aus wie ein Schwelbrand. Und das Familienoberhaupt bekommt es nicht mit. Nicht alles, was unsere Kinder so treiben, bekommen wir mit. Das muss auch nicht sein. Es ist normal, dass Geschwister sich streiten. Und oft vertragen sie sich dann schnell wieder. Da muss man sich als Eltern nicht immer reinhängen.

Allerdings kann sich das Verhältnis zwischen den Kindern auch so problematisch entwickeln, dass bei den Eltern die Alarmglocken läuten müssten. Es ist erschreckend, wozu Menschen fähig sind. Immer wieder berichten die Medien von Jugendlichen, die gewalttätig werden. Die plötzlich ausrasten. Und die Eltern verstehen die Welt nicht mehr. Können es nicht fassen, dass ihre Kinder so etwas tun können.

Was wissen wir von unseren Kindern? Wissen wir, was sie in unserer Abwesenheit so treiben? Welche Spiele spielen sie am Computer? Warum machen ihnen diese Spiele Spaß? Wie ist ihr Verhältnis untereinander? Vater Jakob hat keine Ahnung. Er zeigt kein großes Interesse an seinen großen Söhnen; nur an seinem Liebling, de er nach Strich und Faden verwöhnt.Vielleicht hätte Jakob sich ja auch selbst mal auf den Weg machen können, um zu sehen, wie es seinen großen Söhnen ergeht. Und ihnen so gezeigt: ‚Ich habe Interesse an euch und eurer Arbeit’.

Josef, der verwöhnte und pubertierende Liebling seines Vaters Jakob ist aber ebenso arglos wie sein Vater. Er merkt nicht, wie der Neid seiner Brüder sich gefährlich steigert. Eines Tages sind sie mal wieder bei der Arbeit. Sie hüten das Vieh des Vaters. Diesmal ziemlich weit weg von zuhause. Ahnungslos schickt Jakob seinen Liebling mit dem Auftrag los, nachzusehen, ob bei seinen Brüdern alles in Ordnung ist.

Als die Clique Josef mit seinem bunten Kleid schon von weitem kommen sieht, entzündet sich wieder ihr unbändiger Hass: „Da kommt der Spinner mit seinen Angebereien. Kommt, wir bringen ihn um und werfen ihn in einen Brunnen. Dann sind wir ihn los.“ Jakob, jener Mann aus der Bibel lebte als Familienoberhaupt in einer patriarchalischen Gesellschaft. Er konnte damals seine Söhne für sich arbeiten lassen. Bei uns heute ist das anders. Viele Väter müssen den ganzen Tag hart arbeiten. Und sind dann müde, wenn sie nach der Arbeit nach Hause kommen. Da fehlt die Kraft und Konzentration, sich um die Angelegenheiten der Kinder zu kümmern. Oft ist es allerdings gar nicht nötig, große Unternehmungen zu starten und ein besonderes Programm auf die Beine zu stellen. Sich einfach nur einmal regelmäßig etwas Zeit für die Kinder zu nehmen, wäre wichtig. Sich mit ihnen beispielsweise an den PC zu setzen, Interesse zu zeigen und zu fragen: Erklär mir doch mal, was du da machst!

Ihnen ein Gesprächsangebot zu machen. Und ihnen zu signalisieren: Ich interessiere mich für dich! Vielleicht würden wir dann sensibel für gefährliche Entwicklungen unserer Kinder. Und wir könnten sie begleiten, damit es kein böses Erwachen gibt, wie für Vater Jakob in unserer Geschichte.

Audiobeitrag "Kinder"


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