Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.07.08, Pastor Christoph Neumann

"Wenn noch was draus wird"

„Schau an, der Manni! Hätte nicht gedacht, dass der sich so entwickeln würde“ Nach vielen Jahren ein Klassentreffen.

Da sind natürlich alle, Lehrer wie Schüler, gespannt, was so aus den alten Schulkameraden geworden ist. Zum Beispiel eben aus dem Manni. Der hatte damals auf der Penne fast nur Quatsch im Kopf gehabt. Und manchmal recht boshafte Streiche, die am Rande des Erlaubten waren. Heute hat er Familie, einen ordentlichen Beruf und engagiert sich in seiner Freizeit bei Amnesty International.

Nicht nur für Lehrer ist es erfreulich, wenn man erlebt, dass die pädagogischen Bemühungen aus der Schulzeit doch noch etwas gebracht haben. Auch als Vater und Mutter ist es schön, wenn man erlebt, dass, - wenn auch oft erst nach vielen Jahren, die Kinder Qualitäten zeigen, die man in der schwierigen Pubertät und in den Jugendjahren sehr vermisste.

Eine solche Erfahrung ist ein Geschenk. Es gibt ja keine Erziehung, die erfolgreiche Resultate garantiert. Schwierige Kinder hat es schon immer gegeben. Die Bibel erzählt uns von einer Familie, deren Söhne den Manni von heute weit in den Schatten gestellt hätten. Die hatten Josef, einen ihrer Brüder, so auf dem Kieker, dass sie ihn an eine vorbeiziehende Karawane verkauften. Vorher zogen sie ihm seine Kleider aus, tränkten sie mit dem Blut eines geschlachteten Schafes und erklärtem dem Vater, sein Sohn sei von einem wilden Tier zerrissen worden. Das ist schon ziemlich kriminell.

Mitbeteiligt an dieser Aktion war auch Juda gewesen, der Älteste. Nach vielen Jahren kommt es zu einem unerwarteten Treffen. Josef, der verschleppte Teenager, hat mittlerweile im ägyptischen Ausland Karriere gemacht. Er ist dort im Landwirtschaftsministerium für den Verkauf von Getreide zuständig. Weil das im eigenen Land knapp geworden ist, kommen eines Tages seine Brüder aus Palästina, um im Nachbarland Ägypten einzukaufen.

Josef ist natürlich gespannt, wie sich seine Brüder so entwickelt haben. Die ahnen nicht, wem sie gegenüberstehen. Als Josef sich nach seiner Familie erkundigt und herausbekommen will, ob die Jungs immer noch eine solche kriminelle Energie in sich tragen, macht er eine erstaunliche Entdeckung. Juda, zum Beispiel, der damals mitgemacht hatte, erweist sich als ein verantwortungsbewusstes Familienmitglied, das bereit ist, sich voll und ganz für die Familie und den Vater einzusetzen.

Das sind Geschichten von Menschen, die wir abgeschrieben haben: Hoffnungslos verwöhnt, wie der Bengel Josef. Kriminell veranlagt, wie sein Stiefbruder Juda, oder wie der Manni damals. Doch dann werden ihre Biografien neu geschrieben: aus einem verwöhnten Josef wird ein verantwortungsbewusster Staatsmann, aus Juda ein aufrechter Sippenältester und aus unserem Manni ein gutsituierter Ehemann, der sich für eine Gefangenenhilfsorganisation einsetzt.

Das sind Hoffnungsgeschichten, die uns daran erinnern: Niemand ist ein für allemal festgeschrieben. Kein Mann und keine Frau für immer abgeschrieben. Mit Gottes Hilfe können alle Biografien neu geschrieben werden.

 

Audiobeitrag "Wenn noch was draus wird"


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