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Schach und Victoire
Sprechertexte aus: Gert Westphal liest Theodor Fontane, Schach von Wuthenow, CD 2, LC 00173, 1997 NDR-Autor: Victoire von Carayon war ein Engel.
Auf ihrem ersten Ball zog sie die bewundernden Blicke der Männer auf sich, und den Neid der Damen. Noch Jahre später erinnert sich der preußische Prinz Louis Ferdinand:
Sprecher: Sie war kaum fünfzehn, und von jener Taille, die jeden Augenblick zu zerbrechen scheint. Aber sie zerbrechen nie. Wie ein Engel.
Autor: Ein Gast des Prinzen erzählt ihm jedoch von Victoires Schicksal:
Sprecher: Eure Königliche Hoheit würden das Fräulein Victoire nicht wiedererkennen. Gleich nach dem Balle wurde sie von den Blattern befallen und nur wie durch ein Wunder gerettet. Ein gewisser Reiz der Erscheinung ist ihr freilich geblieben, aber es sind immer nur Momente, wo die seltene Liebenswürdigkeit ihrer Natur einen Schönheitsschleier über sie wirft.
Autor: Der Rittmeister Schach von Wuthenow weiß, wovon er spricht. Nach ihm ist die Novelle Theodor Fontanes benannt, die vor 125 Jahren erschienen ist und die die Geschichte von Schach und Victoire erzählt. Bald nach dem Besuch beim Prinzen war Schach bei Victoire zu Gast. Eigentlich war er ein Verehrer ihrer anziehenden Mutter. Aber die war an diesem Abend im Theater. Die junge Frau klagte über ihre verlorene Schönheit. Und Schach versuchte sie zu trösten:
Sprecher: Der Prinz hatte doch recht, als er enthusiastisch von Ihnen sprach. [...] Was allein gilt, ist das ewig Eine, dass sich die Seele den Körper schafft oder ihn durchleuchtet und verklärt. [...] Ich beschwöre Sie, fassen Sie sich und glauben Sie wieder an Ihr Anrecht auf Leben und Liebe.
Autor: Bald darauf erwartete Victoire ein Kind. Schach zog sich zurück. Befangen, voller Schuldgefühl. Und unfähig, den Spott seiner Kameraden auszuhalten, wenn er sich anstelle der schönen Mutter für die gezeichnete Tochter entschied. Aber die Mutter rief ihn zur Ordnung und er versprach die Heirat. Bald darauf erschienen Karikaturen in Berlin: Schach als Schah von Persien, um dessen Gunst zwei Frauen buhlen. Schach zu Füßen von Victoire, daneben ein Schachbrett und die Unterschrift Schach matt. Diesem öffentlichen Spott hielt der Rittmeister nicht stand. Zu abhängig war er von seinem makellosen Ruf. Er erfüllte zwar die an ihn gerichteten Erwartungen und heiratete Victoire. Aber auf der Heimfahrt von der Hochzeit erschoss er sich.
Schach steht für die Werte einer untergegangenen Welt. Auf mich wirkt er jedoch ganz modern: abhängig von der öffentlichen Meinung; Opfer einer Medienkampagne; fixiert auf äußerliche Schönheit; aber voller Sehnsucht nach einer tieferen Wahrheit und nach Menschlichkeit. Victoire dagegen steht für etwas Überlegenes. Monate nach dem Tod von Schach schreibt sie über ihn an ihre Freundin.
Sprecherin: Er gehörte durchaus zu den Männern, die nicht für die Ehe geschaffen sind. Er war voll Weichheit und Mitgefühl, und alles Weh, was er mir bereitet hat, wollt es ausgleichen. Ich hatte früh resigniert und vermeinte kein Anrecht an jenes Schönste zu haben, was das Leben hat. Und nun hab ich es gehabt. Liebe.
Autor: Victoire empfindet tiefes Verständnis und Nachsicht für den Mann, der sie so vor den Kopf gestoßen hat. Liebevoll vergibt sie ihm, ohne ihn zu verklären. Erst dadurch wird sie vollends zum Engel. Sie bringt eine Ahnung davon in die Welt, wie der gnädige Gott einem schwachen Menschen vergibt.
Schach und Victoire
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