Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.06.08, Pfarrer Jochen Müller

Der vergessene Feiertag

O-Ton: „Lasst das Schießen sein! Ihr werdet eines Tages dafür zur Verantwortung gezogen! Lasst das Schießen sein! Treibt es nicht auf die Spitze! Schüsse am Potsdamer Platz."

Autor: Am 17. Juni 1953 berichtete der RIAS-Berlin live über die Vorgänge in  Ostberlin. Hunderte von Arbeitern streikten, weil sie mehr leisten sollten – ohne Lohnerhöhungen. In der damaligen Sprache hieß das: Erhöhung der Normen. Einen Tag zuvor erklärte das Politbüro der SED:

O-Ton: "Der Aufbau eines neuen Lebens und die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter sind einzig und allein auf der Grundlage der Erhöhung der Arbeitsproduktivität und der Steigerung der Produktion möglich. Nur die Verwirklichung der alten Losung unserer Partei: Mehr produzieren, besser leben! hat zur Wiederherstellung und zur schnellen Entwicklung der Volkswirtschaft der DDR nach dem Kriege geführt."

Autor: Dabei gab die DDR-Führung in Gestalt des Parteivorsitzenden Walter Ulbricht am selben Tag zu:

O-Ton: „…aber es ist falsch auf administrativem Wege Normerhöhung zu verfügen.“

Autor: Dennoch kam es am 17. Juni 1953 zum großen Arbeiteraufstand in der DDR. Und es passierte das Unglaubliche: russische Panzer fuhren auf, schossen mit Maschinengewehren auf hilflose Arbeiter und überrollten Demonstranten. Heute wissen wir, dass es ein echter Volksaufstand für die Freiheit in Deutschland gewesen ist, denn an vielen Orten in der DDR gingen damals gleichzeitig Menschen auf die Straße und forderten unter anderem freie Wahlen. Erst im November 1989 mit den großen Montagsdemonstrationen in Leipzig und anderswo erreichten sie ihr Ziel.

Seit 18 Jahren ist  der 17. Juni nun kein Feiertag mehr. Die 100 Toten des Aufstandes, die vielen Verurteilten – auch zum Tode Verurteilten – die Gründe, die zu den Protesten führten – das alles ist heute weitgehend vergessen.

Der 17. Juni war kein kirchlicher Feiertag und doch macht mich das heutige Vergessen um den damaligen Arbeiteraufstand nachdenklich. Wenn Feiertage abgeschafft werden, dann läuft unsere Gesellschaft Gefahr, den Grund des Feiertages auch zu vergessen. Die eigene Geschichte zu vergessen.

Das gilt eben auch für kirchliche Feiertage. 1995 ist der Buß- und Bettag als gesetzlicher Feiertag abgeschafft worden. Die Kirchen feiern an diesem Mittwoch im November immer noch Gottesdienste, aber aus dem öffentlichen Bewusstsein ist dieser Tag verschwunden. Auch haben viele schon vergessen, warum er abgeschafft wurde – nämlich zur Finanzierung der Pflegeversicherung.

Doch nicht nur die Feiertage sind bedroht, auch der Sonntag steht zunehmend zur Disposition. Ich frage mich aber : Was tun wir eigentlich, wenn wir unseren wöchentlichen Feiertag, den Sonntag vergessen und der Beliebigkeit übergeben und da alles mögliche machen und kaufen können – uns aber für Gott keine Zeit mehr nehmen? Keine Zeit zum Luftholen und Ausruhen. Keine Zeit seinen eigenen Lebensweg zu überdenken. Werden uns unser Leben, unsere Gesundheit oder unsere Mitmenschen  „eines Tages auch dafür zur Verantwortung ziehen?,

Darum heißt es in den 10 Geboten: Gedenke des Feiertages, auf dass du ihn heiligst! Das gilt auch für den 17. Juni, den Tag des Volksaufstandes in der DDR.

 

Audiobeitrag Der vergessene Feiertag


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