Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.06.08, Pfarrer Jochen Müller

Überschriften

In der Zeitung lese ich als erstes die Überschriften. Gute Überschriften machen neugierig und informieren zugleich.

Ich bekomme schnell einen Überblick über das, was dran ist. Was wäre, wenn ich meinem persönlichen Tag heute eine Überschrift geben würde? Termine, Termine, Termine? Jetzt leben – nicht warten! Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens?

Viele Christen machen  das jeden Tag: Sie   geben ihrem Tag eine Überschrift.  Einen Satz aus der Bibel. Sie finden ihn in den so genannten Herrnhuter Losungen – einer Sammlung von  zufällig ausgelosten biblischen Sätzen. Für jeden Tag einen.  . Auch ich lese morgens die Losung. Manchmal trifft dieser Satz meine Situation ganz genau, an anderen Tagen kann ich damit wenig anfangen.

Heute, Mittwoch, 18. Juni 2008 heißt die Losung ganz einfach: Du sollst nicht stehlen. Die Überschrift für  meinen  Tag. Klar, mach ich ja auch nicht. Wenn ich etwas einkaufe, dann bezahle ich das auch anständig. Was soll mir diese Überschrift dann Neues sagen? Du sollst nicht stehlen.

Stehlen heißt, jemand anderem etwas wegnehmen. Scheint banal zu sein, ist es aber nicht: Ein Supermarktbesitzer erzählte mir, dass er jedes Jahr ein Diebstahl-Minus von 100 000 Euro einrechnen müsste. Das gestohlen wird, wusste ich, aber dass soviel gestohlen wird, war mir nicht bewußt.

Aber man kann ja auch noch etwas anderes als Waren aus dem Supermarkt stehlen. Da wird es für mich persönlich interessanter. Wie ist es denn etwa mit der Zeit? Du sollst die Zeit eines anderen nicht stehlen. In meinem Beruf als Pfarrer wird viel gesessen: Ausschüsse, Planungstreffen, Besuche, Vorbereitungen. In vielen anderen Berufen ist das ähnlich. Manchmal frage ich mich: Und? Was ist dabei herausgekommen? War das jetzt notwendig, dass wir soviel Zeit zusammen gesessen haben oder habe ich damit anderen vielleicht etwas von ihrer Lebenszeit gestohlen oder mir etwas stehlen lassen?

Martin Luther sagt in seiner Erklärung zum Gebot „Du sollst nicht stehlen“: Wir sollen unserem Nächsten „sein Gut und Nahrung helfen bessern und behüten“. Also: Nicht nur einem anderen nichts wegnehmen, sondern ihm helfen, sein Haben zu verbessern und es zu behüten. Und das gilt auch für die Lebenszeit.

Ich will heute behutsam mit der Zeit umgehen – mit meiner eigenen und mit der der anderen. Die Überschrift „Du sollst nicht stehlen“ gibt meinem Tag eine – neue,  unerwartete – Richtung. Probieren Sie es doch auch einmal.


 

Audiobeitrag Überschriften


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