Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.06.08, Jörn Heller

Heute schon geklaut?

Wie kommt es eigentlich, dass die kleinen Geschäfte in den Seitenstraßen verschwinden? Dass es immer weniger Läden gibt, wo man noch mit seinem Namen angesprochen wird?

Wo das Personal weiß, wer man ist, was man will und was man braucht? Es wird viele Gründe geben, ein Grund aber ist gewiss dieser: weil sich unsere Gesellschaft an das Stehlen gewöhnt hat.

Machen wir uns nix vor, wir alle klauen täglich wie die Raben, und wir tun dies so unbekümmert, dass wir unseren Diebstahl schon kaum noch bemerken. Haste schon die neue CD von Cicero gehört? Haste nicht? Macht nix, kann ich Dir brennen! Kein Wunder, dass dem kleinen Plattenladen in der Altstadt irgendwann die Puste ausgeht. Die tolle E-Gitarre im Musikhaus um die Ecke. Sah gut aus, klang super, auch im Vergleich zu anderen Instrumenten, die dort ausgestellt waren. Ist aber im Internet billiger angeboten. Also: her mit dem Ding! Kein Wunder, dass das Musikhaus irgendwann dicht macht.

Was passiert da eigentlich, wenn wir so handeln? Da machen sich Leute die Mühe, aus der Überfülle des Angebots für ihre Kundschaft das Passende auszusuchen. Sie präsentieren die Ware ansprechend, gestalten aufwendige Schaufenster, und wenn man sie anspricht, beraten sie einen gut und gerne, weil sie ihre Ware kennen und lieben. Bei vielen Geschäftsleuten ist das jedenfalls so. Das alles kostet richtig Geld und verursacht hohe Kosten: Mietkosten, Heizkosten, Personalkosten und vieles mehr.

Und was macht der Kunde, nachdem er sich gründlich in solch einem Geschäft umgesehen hat? Nachdem ihm der freundliche Verkäufer eine halbe Stunde lang die Vor- und Nachteile des Produkts erklärt hat? Er geht ins Netz und schaut nach, ob das Gewünschte nicht irgendwo billiger zu haben ist. Und er wird fündig. Und stößt auf einen Anbieter in der bayerischen Provinz, der ihm dasselbe Produkt für weniger Geld anbietet. Eine Firma, die dort im Grünen garantiert keine hohen Mieten zahlen muss, wo sich die Gewerbesteuer in annehmbaren Grenzen hält, wo man sich weder über Dekoration noch über Präsentation noch überhaupt um ein würdiges Auftreten irgendwelche Gedanken machen muss. Ein Mausklick, und das Geschäft ist abgewickelt, und schon hat sich der Kunde tüchtig auf Kosten dessen bereichert, dem er seine Kaufentscheidung verdankt. Bereicherung auf Kosten anderer aber nennt man auch Diebstahl, und der geschieht tagtäglich in unseren Geschäften und vor unseren Bildschirmen.

Der kleine Händler hält diesen täglichen Diebstahl nicht lange durch. Früher oder später verschwindet er mit seinem Betrieb von der Bildfläche. Und da reibt sich dann der Verbraucher plötzlich verwundert die Augen, lässt ein paar Krokodilstränen über die blassen Wangen rollen und stimmt sein Klagelied an, das in dem beliebten Kehrreim mündet: Die Großen fressen die Kleinen!

Aber sind es wirklich die Großen, die sich aufgrund ihres Riesenmauls gierig die Kleinen einverleiben? Mir scheint dieses Bild schief zu sein, denn eigentlich sieht das Ganze doch vielfach eher so aus: Die kleinen Fische zappeln auf dem Trockenen, nachdem der Verbraucher sich gedankenlos mit ihren Leistungen den Magen vollgeschlagen, nachdem er den Großen unbekümmert sein Geld in den Rachen geworfen hat.

Jeder muss sparen, das ist klar. Und alles gibt es heutzutage irgendwo billiger. Aber vielleicht fragen wir uns auch in Zeiten, wo alle Welt den Gürtel enger schnallen muss, nicht nur, was gut und billig, sondern auch, was uns lieb und teuer ist. Und führen uns vor Augen, dass vieles von dem, was wir billig bekommen, von anderen teuer bezahlt wird, bezahlt durch unseren täglichen Diebstahl. Gott äußert sich zu diesem Thema in der Bibel mit einem knappen, aber unmissverständlichen Gebot, und das lautet: Du sollst nicht stehlen! Es gilt auch heute. Ohne Ausnahme.

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