Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.06.08, Pfarrer Matthias Köhler

Olympia in China

In genau zwei Monaten, wird in Peking eine Flamme entzündet werden. Die ganze Welt wird nach China blicken, wird das lodernde Feuer sehen und sich fragen,

ob aus der Flamme Frieden und Menschenrecht erwachsen kann. Am 8. August werden in Peking die Olympischen Spiele eröffnet. Das Olympische Feuer ist schon seit einigen Wochen durch die Welt unterwegs – begleitet von Demonstrationen und einem Troß von Sicherheitskräften. Denn China ist kein freies Land. 19 Jahre ist es her, dass die Forderung nach mehr bürgerlicher Freiheit auf dem Pekinger Platz des himmlischen Friedens in Blut ertränkt wurde. Bis heute ist die Zahl der Toten unbekannt. 60 Jahre ist es her, seit die chinesische Armee Tibet besetzte und annektierte. Der tibetische Protest hat seitdem nie nachgelassen.

Kein Wunder: Olympia 2008 in Peking ist deshalb umstritten. Darf die Olympiade, eines der wichtigsten Symbole der Völkerverständigung, in einem Land stattfinden, dass die Menschenrechte mit Füßen tritt? Muss man angesichts der völkerrechtswidrigen Besetzung Tibets die Spiele nicht in ein anderes Land verlegen? Adelt man mit den olympischen Ringen nicht ein Unrechtsregime?

Andererseits kritisieren Menschenrechtsorganisationen die chinesische Politik nicht erst seit Olympia. Aber erst im Umfeld der olympischen Flamme rücken die Zustände im Reich der Mitte und in Tibet unübersehbar in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Ohne Olympia in Peking wäre Tibet immer noch vergessen. Es gäbe keine weltweite Diskussion über Menschenrechte in China.

China ist für unser Land, für Europa und Amerika ein wichtiger Handelspartner. Bei einer Bevölkerung von über einer Milliarde Menschen lassen sich unendlich viele Produkte verkaufen. Keine westliche Nation will auf den Marktanteil verzichten – Exportland Deutschland auch nicht. Jedes Jahr besuchen zig Wirtschaftsdelegationen das Reich der Mitte, um Verträge abzuschließen, Geschäfte zu machen, Geld zu verdienen. Nach Tibet fragt dabei niemand.

Olympia ist ein Symbol – für ein friedliches Miteinander der Menschenfamilie. Symbole sind wichtig, sie geben Visionen Gestalt, halten Hoffnung wach. Sie alleine lösen aber keine Probleme. Ein Boykott der Olympiade ändert an der Lage in Tibet und in China gar nichts. Denn solange das Geschäft mit dem Westen läuft, ist der Protest des Westens höchst unglaubwürdig. Wir finden zwar nicht gut, was ihr macht, aber euer Geld nehmen wir trotzdem. Die Menschenrechte - ihre universelle Gültigkeit und ihre Beachtung – sind kein sportliches Problem. Sie sind eine unaufgebbare ethische Forderung. Wer eine Veränderung der chinesischen Politik will, muss politisch handeln.

Jesus aus Nazareth hat einmal gesagt: „Ihr könnt nicht zwei Herren dienen – Gott und dem Mammon.“ Es ist eine politische, eine ethische Entscheidung, mit wem ich Handel betreibe, wem ich etwas verkaufe, bei wem ich einkaufe. China hat viel mehr zu verlieren als eine Olympiade. Wie effektiv die Verweigerung von Handelsbeziehungen die Welt verändern kann, hat der Boykott des Apartheidregimes von Südafrika gezeigt.

Wir müssen uns die Frage stellen, ob die Bedürfnisse unserer Wirtschaft die Regeln des politischen Miteinanders diktieren, oder ob die Politik ethische Kriterien für das wirtschaftliche Handeln eines Volkes aufstellt. Ob der Mammon bestimmt oder die zehn Gebote. Solange wir den Tanz um das goldene Kalb des chinesischen Marktes mittanzen, brauchen wir uns von Olympia nicht abzumelden.
Wir würden uns lächerlich machen.

Audiobeitrag Olympia in China


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