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Gott erkennen in der Natur
Autorin: Meinen üblichen Weg durch den Wald säumt sattes Grün. Die Verwandlung von Frühling in Sommer ging in diesem Jahr besonders schnell.
In wenigen Tagen bedeckt ein Dach aus saftigen Blättern die bekannten Pfade. Ich staune. Ich genieße die Veränderung, ergebe mich der Symphonie der Vögel. Festen Boden unter den Füßen, werde ich doch mit jedem Schritt leichter. Zart durchspielt das Sonnenlicht die Vielfalt der Pflanzen und in mir wächst Dankbarkeit.
Musik: CD Mercedes Sosa, 30 Anos, LC 0383; Track 3: Gracias a la vida
Autorin: Ich danke dem Leben, das mir soviel gegeben. Er gab mir zwei Augen um deutlich zu trennen: das Weiße vom Schwarzen, die Welt zu erkennen. Den sternklaren Grund überm endlosen Himmel, und den, den ich liebe im Menschengewimmel. So dankt die argentinische Sängerin Mercedes Sosa für das Leben. Das empfinde auch ich. Besonders, wenn ich in der Natur bin. Und das sind wir ja alle in diesen Tagen des frühen Sommers häufig. Wenn wir spazieren oder Unkraut jäten, unter freiem Himmel schwimmen, walken oder die Kästen auf dem Balkon bepflanzen. Da stellt sich ein gutes Gefühl ein. Manchmal ist das Erleben ganz diffus, manchmal ganz klar. In solchen Momenten erkenne ich: ich bin Teil des großen Ganzen. Ich bin verbunden mit dem Höchsten. Guten Morgen, liebe Hörerin und lieber Hörer. Ich bin Susanne Wolf-Withöft, evangelische Pfarrerin in Wuppertal.
Oft höre ich bei Besuchen: Wissen sie, Frau Pastorin, wir sind keine Kirchgänger. Sie sehen uns nicht oft in der Kirche, wir gehen lieber durch die Natur spazieren, da sind wir unserem Herrgott auch nahe. Damit befinden sie sich in guter Gesellschaft. Denn schon immer haben Frauen und Männer durch die Natur Gottes Gegenwart gefühlt.
Zitat Goethe: Wenn
ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des All-Liebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält.
Autorin: Diese sinnlichen Worte stammen von Johann Wolfgang von Goethe. Am Bach, auf der Wiese erkennt er Gott. Goethe ist andächtig. Andächtig. So geht es mir auch im Wald. Ich werde andächtig. Nicht indem ich viel denke. Ich komme hier zur Ruhe, werde leer. Ruhe vom geschäftigen Alltag. Da ist die schöne Landschaft. Ich sehe und rieche, höre, bin ganz bei Sinnen. Das hat therapeutische Wirkung für mich. Ich bin eingebunden in diesen Kreislauf des Lebens. Das gibt mir Kraft. Teil am Geworden-Sein, Da-Sein und Neu-Werden. Das begegnet mir hier auf Schritt und Tritt. Ich bin geschaffen. Musik: CD Du bist da, 30. DEKT, Edition Crismon; Track 5: Da ist ein Sehnen tief in uns
Autorin: Da ist ein Sehnen. Ein Sehnen, Gott nah zu sein. Auch und gerade in der Natur. Es gibt und gab immer Menschen, die das auch anders sehen. Einer von ihnen war Karl Barth. Der bekannte Theologe hat 1934, vor fast genau 74 Jahren die Bekennende Kirche mit gegründet. Vom 29.-30. Mai saßen Frauen und Männer auf der Bekenntnissynode zusammen. Man traf sich in der Gemarker Kirche in Wuppertal, direkt bei mir um die Ecke. Strenge Mauern für strenge Gedanken. Strenge Gedanken im Angesicht der Bedrohung vom Staat. Diese Männer und Frauen wollten ein kräftiges Signal senden gegen die Deutschen Christen. In ihren Glaubensräumen wollten sie das nicht mittragen, das nationalsozialistische Gedankengut.
Sie diskutierten und stritten, rangen, fragten sich nach dem Auftrag der Kirche. Was macht uns aus? Woran machen wir uns fest? So entstanden sechs Thesen, die Barmer Theologische Erklärung. Gleich die erste These beschäftigt sich mit der Frage, wo wir Menschen Gott finden. Wo offenbart sich Gott uns?
Zitat-Sprecher These 1: Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Autorin: Jesus Christus ist das eine Wort Gottes. Dichte Worte. Schaffen sie Klarheit? Allein in Jesus Christus. Doch woher wissen wir Bescheid über Jesus? Aus der Bibel, sagt Karl Barth. Aus den Geschichten, die erzählen von Menschen und ihren Begegnungen mit Christus. Der blinde Bartimäus, der all seine Hoffnung gesund zu werden hinausschreit. Die Ehebrecherin, die gar nicht weiß was geschieht, als alle Steine wieder zu Boden sinken. Jesus, der im Boot auf einem Kissen schläft, während draußen der Sturm tobt. Wer diese Geschichten hört. Wem sie ins Leben sprechen. Wer sich von ihnen anrühren lässt, der erkennt Gott. Und es gibt keinen anderen Weg sich Gott zu nähern. Nur in der Schrift ist Gott zu finden.
Karl Barth war radikal. Seine Meinung fanden damals schon nicht alle richtig. Einer davon war sein Kollege Emil Brunner. Das die Bibel wichtig ist, sagt auch er. Doch es beschäftigte ihn die Frage, wie das Wort die Menschen denn erreicht. Wo finden die Menschen zu Gottes Wort? Wie funktioniert das? Wie spricht es in ihr Leben hinein? So kommt der Theologe zu seiner Idee des Anknüpfungspunkts. Er sagt:
Zitatsprecher Brunner: Wo Gott etwas tut, da drückt er dem, was er tut, den Stempel seines Wesens auf. Darum ist die Schöpfung der Welt zugleich Offenbarung, Selbstmitteilung Gottes.
Autorin: Gott lässt sich von den Menschen finden: in seinem Wort und in seiner Schöpfung. Karl Barth erwidert Emil Brunner sein schroffes:
Zitatsprecher Barth: Nein!
Autorin: Karl Barth ist radikal. Er sagt mir: Was dir im Wald begegnet ist nicht Gott. Auch wenn Du dich noch so gut fühlst und erfüllt bist. Der Baum, der Sonnenstrahl, der dich dem Himmel näher bringt, ist nicht Gott. Das, was dir im Wald begegnet sind Gottes Geschöpfe. In den Wänden der Gemarker Kirche macht Barth klar: Gott findest Du zwischen den Deckeln des einen großen Buches. In der Bibel.
Theologisch leuchtet das ein, mir als Pfarrerin allemal. Und in der Zeit damals war es ja auch wichtig sich klar auf unsere Quelle zu berufen. Nur, was mache ich mit meiner Liebe zum Wald? Wo bleibe ich mit diesem Gefühl? Ist doch alles reine Naturromantik? Oft denke ich, wir stecken zu sehr in Gedankengebäuden, die die Natur ausgrenzen. Bewegen uns in den Innenräumen des Kopfes, ohne Durchblick nach draußen. Da ist der Kopf nicht mehr belüftet. Doch ich kann rausgehen in die Natur, mich durchwehen lassen vom frischen Wind. Nicht umsonst verlassen Menschen in dieser Sommerzeit ihre Gebäude und gehen hinaus ins Grüne. Sie suchen Bewegung, äußerlich und innerlich.
Und nicht umsonst feiern wir miteinander Gottesdienst im Freien. Zu Christi Himmelfahrt oder Pfingsten tauschen wir die alten Kirchenmauern gegen die Waldlichtung, den Platz im Park oder am fließenden Bach. Ein kleiner Altar mit frischen Feldblumen, Kerzen in großen, windschützenden Gläsern, ein Birkenkreuz, das Parament aus der Kirche. Sie schaffen auch am ungewohnten Ort eine gottesdienstliche, feierliche Atmosphäre. Die Saxophongruppe spielt die Intrade und begleitet die Lieder, und es entsteht eine Mischung aus Andacht und Picknick Stimmung. Die Gemeinde singt, betet und hört die Predigt; Kinder, die nicht mehr still sitzen können, spielen auf der Wiese; Säuglinge liegen auf Kinderdecken; Mütter und Väter genießen die entspannte, ungezwungene Atmosphäre. Das grüne Kleid der Erde flüstert die Geschichte seines Lebens in den Wind. Es kitzelt unser Ohr wach. Und das Gefühl stellt sich ein. Wir werden dankbar. Die Hornhaut der Seele legt sich ab. Loslassen können wir hier. Eintauchen in die Liturgie. Der Ort nimmt uns hinein in Wachsen und Standhalten. Der Ort erzählt vom Leben. Umgeben von uralten Bäumen geht das Lob Gottes leicht über die Lippen.
Musik: Erhard Ufermann, Ecce vita, 1998, FFFZ EKiR; Track 10: Großer Gott wir loben dich
Autorin: Der Ort, Wald oder Bachlauf, beheimatet unser Gefühl. Aber kann er auch Erkenntnis herbeiführen? Erkennen, worum es dem Schöpfer mit uns Menschen geht. Erkennen, wie alles gemeint ist? Da reicht das Wohlgefühl nicht aus. Gott ist kein Wellness Gott. Gott geht nicht auf in Fichtennadelduft und Wiesenschaumkraut. Gott erkennen kommt dann doch aus dem Hören. Erst im Lautwerden des Evangeliums (CA V). Und das gilt für jeden Ort. Die Schöpfung selbst aber ist stumm. Der Baum gibt die Geschichten Gottes nicht preis. Der Bach erzählt mir nichts von Jesus und seiner Liebe für die Menschen. Die Schöpfung allein reicht nicht aus. Erst durch Reden und Hören entdecken wir Gott.
Im Hören zeigt sich Gott in allen Facetten. Vielfältiger als in der Natur. Der Gott, dem ich mich in der Natur nahe fühle, ist ein bequemer Gott. Er kommt mir nicht in die Quere. Wenn ich einen schönen Sonnenuntergang bewundere, kommt mir meist nicht der Gedanke, dass ich dringend mit meiner Schwester reden muss, um sie um Verzeihung zu bitten. Und die grüne Wiese mag mir angesichts der geahnten Krankheit keinen wirklichen Trost geben.
Gott ist kein Schönwetter-Gott, kein Heile-Welt-Gott. Gott hat uns viel zu erzählen über Schmerz und Heilung, über Liebe untereinander. Wir wissen das durch seinen Sohn. Durch Jesus, der mit anderen lebte, sich einsetzte und selbst den Schmerz erlitt. Am Kreuz. Für uns. Wenn wir davon hören, entdecken wir Gott. Wenn wir aus der Heiligen Schrift hören.
Der Busen der Natur ist nicht das Herz Gottes. Aber dort ist es besonders schön von Gott und Jesus Christus zu hören. Für mich habe ich ein Ritual entwickelt. Ich nehme mir ein Wort aus der Bibel mit in den Wald. Lese es, bevor ich losgehe. Oft ist es die Tageslosung. Oder ein anderer Satz, der mir gerade wichtig ist. Dort, umgeben von Bäumen, erschließen sich die Worte neu. Dort, wo die ganze Natur sein Wort verstärkt, kann ich Gott danken. Gott, dem Liebhaber des Lebens.
Gute Zeit im Freien, wo auch immer es sie hintreibt, wünscht Ihnen Susanne Wolf-Withöft von der evangelischen Kirche in Wuppertal.
Musik: CD Mercedes Sosa, 30 Anos, LC 0383; Track 3: Gracias a la vida
Literatur: Johann Wolfgang von Goethe, Das Leben des jungen Werther Hermann Fischer, Systematische Theologie, Stuttgart, Berlin, Köln, 1992
Gott erkennen in der Natur
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