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Engel
Auf meinem Balkon sitzt ein Engel. Hab ich zuerst gar nicht bemerkt. Ich weiß auch nicht, wie lange er dort schon sitzt. Ich hab ihn schlicht übersehen.
Bemerkt habe ich ihn erst, als ich mir beim Blumengießen mein Bein am ihm aufgeratscht habe. Da hab ich ihn dann gesehen, im großen Terrakottatopf mit dem Lavendelbusch. Er sitzt auf einem Stein, der oben auf einer Stange befestigt ist. Ganz klein ist er, vielleicht fünf Zentimeter groß. Und aus Bronze. Ganz lässig zurückgelehnt balanciert er auf dem Stein, ein Beinchen über das andere geschlagen, auf die Ärmchen abgestützt und er sieht sehr zufrieden aus mit sich und der Welt.
Ich hab mich zuerst geärgert der kleine Engel hat mir ganz schön das Bein aufgekratzt, als ich an ihm vorbeigegangen bin. Wer bitteschön hat ihn ausgerechnet so platziert, dass man mit ihm kollidieren musste? Ich hab ihn dann ein gutes Stück aus dem Weg gedreht. Ganz warm ist er gewesen, der kleine Engel, hat sich wohl in der Sonne aufgewärmt. Das hat sich schön angefühlt den kleinen warmen Engel in der Hand zu halten. Hat mich wieder mit ihm versöhnt. Seitdem gucke ich immer, wenn ich auf den Balkon gehe, was der Engel macht. Und komisch fast freue ich mich ihn zu sehen.
Der Kleine erinnert mich daran, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als wir mit unseren Augen und Ohren wahrnehmen. Einmal habe ich ihm lange gegenüber gesessen und über Seinesgleichen nachgedacht. Gibt es Engel? Also richtige, lebendige nicht nur Dekofigürchen? Die gelben Engel sind mir eingefallen, die mir mal Starthilfe gegeben haben, auf der Autobahn. Obwohl, das waren ja Menschen, auch wenn sie mir in dem Moment wie Engel vorkamen. Und mir ist eingefallen, dass ich ganz viele Geschichten kenne, in denen Menschen einem Engel begegnet sind. Geschichten aus der Bibel wie auch aus unseren Tagen.
Die Herkunft des Wortes Engel ist mir wieder eingefallen vom griechischen angelos der Bote. Der Engel ist einer, der einen Auftrag hat, der eine Botschaft überbringt. Engel sind die Boten Gottes, zu uns gesandt mit einem Auftrag. Vielleicht ist es ganz unsinnig zu fragen, ob es Engel gibt. Es gibt sie so selbstverständlich, wie es Pflanzen, Tiere, Menschen, Gestirne, Land und Meer gibt. Manchmal passiert es einfach, dass sich Menschen in einer Begegnung, in einer Situation plötzlich Gott ganz nahe fühlen, plötzlich wissen, ganz ohne Zweifel, dass es Gott gibt und dass er es gut mit uns meint. Der Bote, durch den das geschieht, kann uns im Traum begegnen, in einem Bild, einem Musikstück oder in einem Menschen aus Fleisch und Blut, der manchmal selbst gar nichts davon weiß.
Manchmal ist es auch ein Erlebnis; dass sich in unseren Alltag nicht einordnen lässt, dass besonders ist. Das Entscheidende an einem Engel ist aber nicht sein Aussehen oder seine Erscheinungsweise, sondern sein Auftrag. Durch seinen Auftrag wird der Bote zum Engel, nämlich wenn er uns an Gott erinnert. Uns Gott ein Stückchen näher bringt.
Sogar der kleine Bronzeengel hat das geschafft, mich an Gott zu erinnern. Eine schöne Stunde habe ich ihm gegenüber verbracht, mit einer Tasse Kaffee und habe über Gott und die Welt nachgedacht. Das hat mir gut getan. Manche Boten lächeln eben nur stumm vor sich hin. Danke, kleiner Engel!
Engel
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