Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.06.08, Pfarrer i.R. Burkhard Müller

Gottes Allmacht und die Freiheit der Natur

Sein Anzug ist inzwischen ziemlich schäbig. Warum kauft er sich keinen neuen? „Da hängen so viele Anzüge zur Auswahl, ich kann mich nicht entscheiden,

welchen ich nehmen soll“. Wie stöhnte das Kindergartenkind: „Heute mussten wir schon wieder tun, was wir wollen.“

Dass unsere Freiheit uns zwingt, eigene Entscheidungen zu treffen, ist auch lästig. Trotzdem: ich liebe diese Freiheit. Gott sei allmächtig und habe alle Fäden in der Hand. So habe ich als Kind manchmal die Erwachsenen verstanden. Der liebe Vater im Himmel mache das alles: dass die Tante krank ist, und  der Hund stirbt, dass meine Klassenarbeit gut geworden ist und ich später mal eine liebe Frau kriege.

Nach einem schlimmen Unglück hörte ich die Leute fragen: Wie kann Gott das zulassen? Warum hat er das nicht verhindert? Er ist doch allmächtig.

Aber hat Gott wirklich alle Fäden in der Hand? Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass ich eine Marionette des lieben Gottes bin. Ich habe immer geglaubt: entscheiden über mich, das muss ich selbst.

Irgendwann habe ich begriffen: Gott will, dass ich frei bin und diese Freiheit gut gebrauche. Er hat seinen Segen zu meiner Freiheit gegeben. Der Allmächtige hat einen großen Brocken seiner Allmacht an die Menschen verteilt. Wir haben viel Macht und die Freiheit, dies zu tun, oder das, Gutes oder Böses, Kluges oder Dummes.

Inzwischen weiß ich noch mehr. Das hängt mit Darwin zusammen. Das erste, was ich von ihm gehört habe, war eine gemeine Unterstellung seiner Gegner: Er lehre, dass der Mensch vom Affen abstammt. Aber ich habe bei ihm und seinen wissenschaftlichen Schülern gelernt, dass Gott der ganzen Natur die Freiheit gelassen hat, sich selbständig zu entwickeln. Und das hat sie dann getan, mit hervorragenden Ergebnissen.

Für mich war die Evolutionstheorie die Bestätigung meiner persönlichen Überzeugung, dass Gott uns Freiheit lässt. Es ist alles von selbst geworden. Auch wir Menschen sind von selbst aus der Tierwelt entstanden. Tiere haben noch relativ wenig Freiheit, sie sind noch durch  Instinkte geleitet. Wir Menschen aber haben die Freiheit, unser Leben selbst zu regeln. Aber Freiheit ist nicht nur angenehm, immer nur machen zu müssen, was man will. Darum war es nützlich für unsere Entwicklung, dass die Natur so etwas wie eine Gewissenspotenz in unserm Hirn entstehen ließ.

Irgendwo in unserem Kopf gibt es wohl eine Art religiöseFachabteilung. Die Entwicklung unserer Freiheit konnte nur gelingen, weil gleichzeitig im Gehirn der Platz für Religion entwickelt wurde. Die Planeten brauchen keine Religion, um ihren Weg zu wissen; die Sonne braucht keine Religion, um ihr Licht abzustrahlen. Die Fische brauchen keine Religion und nicht die Affen. Aber der Mensch braucht sie von Anfang an. Wir unendlichen freien Mensch können mit Religion besser leben und überleben.,

Allen Ernstes: von mir aus können ja machen was Sie wollen, aber: mit  Religion geht das besser. Das wußte schon die Evolution.

Audiobeitrag Gottes Allmacht und die Freiheit der Natur


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen