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Zweihundert Jahre Wichern - Aufgaben der Diakonie heute
Johann Hinrich Wichern, Theologe und Sozialreformer, Begründer der modernen Diakonie aus Anlass seines zweihundertsten Geburtstags hat das Diakonische Werk das Jahr 2008
zum Wichern-Jahr erklärt. Gestern hat eine besondere Aktionswoche begonnen, in der bundesweit an Wichern und seine Bedeutung heute erinnert wird. Nun könnte man fragen: Ist das nicht alles längst verjährt? Was gehen uns Theologie und Sozialpolitik aus dem 19. Jahrhundert an? Als Antwort hat die Diakonie zehn Leitsätze zur aktuellen Bedeutung Wicherns erarbeitet. Drei davon sind mir besonders wichtig.
Vor allem: Praktisches Handeln aus Nächstenliebe. Mit diesem Stichwort hat Johann Hinrich Wichern seinerzeit etwas wieder aufgegriffen, was von Anfang an zur christlichen Kirche gehört hat. Sein Programm, die so genannte Innere Mission, führte deutschlandweit zur Gründung von Vereinen und Anstalten etwa für Krankenpflege oder Kindererziehung. Die Kriege und sozialen Krisen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten Spuren hinterlassen. Weite Bevölkerungskreise waren verarmt. Hier setzte Wicherns Arbeit an. Bis heute ist es deshalb der Anspruch der Diakonie, sich als Anwalt der Schwachen und der Opfer gesellschaftlicher Fehlentwicklungen zu verstehen. Mit der Anprangerung akuter Notlagen und dem Appell zum helfenden Handeln hat sich gerade Wichern aber nicht nur an einzelne Christen und an die Kirchen gewandt. Er klagte die soziale Verantwortung des Staates ein. Die Frage, wie viel Soziales sich der Staat leisten kann, muss oder angeblich nicht leisten kann, ist angesichts leerer Kassen wieder aktueller denn je. Diakonie heute, die sich auf Wichern beruft, kann nur antworten, dass im Mittelpunkt immer die Würde des Menschen und nicht sein Nutzwert oder seine Kostenstruktur steht.
Wichtig ist mir außerdem Wicherns besonderes Engagement für Erziehung und Bildung. Seine berühmteste Einrichtung, das Rauhe Haus in Hamburg, ermöglichte benachteiligten Kindern und Jugendlichen einen Neuanfang. Und es gehört, glaube ich, zu den bedrückenden Begleiterscheinungen des Wichern-Jubiläums, dass zweihundert Jahre später unsere Gesellschaft offenkundig wieder nicht in der Lage ist, der nachwachsenden Generation eine faire Chance und vernünftige Zukunftsperspektiven zu bieten. Dass hier die Diakonie doppelt, nämlich mit praktischer Hilfe genauso wie mit klaren politischen Standpunkten gefragt ist, muss man eigentlich nicht besonders betonen.
Und ein dritter Punkt: Eine evangelische Kirche, die mit ihrem diakonischen Handeln ihrer sozialen Verantwortung nachkommen will, braucht ganz sicher mehr als einen gut funktionierenden Apparat. Wicherns Vorstellung von Kirche war deshalb gerade nicht durch Ämter und Strukturen begrenzt, sondern von der Vision eines lebendigen Miteinanders aller Glaubenden geprägt. Deshalb muss Diakonie heute nicht nur ihre Dienstleistungen spezialisieren und professionalisieren, sondern nach der jeweils besonderen Kompetenz und Begabung jedes einzelnen haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden fragen. Auch in der politischen Diskussion ist ja gegenwärtig viel vom bürgerschaftlichen Engagement in der Zivilgesellschaft die Rede. Was damit gemeint ist, hat Wichern gelebt. Darin ist er bis heute Vorbild.
Zweihundert Jahre Wichern - Aufgaben der Diakonie heute
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