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Zweihundert Jahre Wichern - Gerechter Lohn im kirchlichen Dienst
Mit dem zweihundertsten Geburtstag Johann Hinrich Wicherns feiert die Diakonie in diesen Tagen einen ihrer Gründerväter.
Mitten in dieses Jubiläum platzt eine Diskussion, die die Feierlaune trübt. Erst kürzlich prangerte das Fernsehmagazin Report-Mainz die Diakonie als einen Arbeitgeber an, dessen Entlohnungspraxis in krassem Widerspruch zu seinem sozialen Anspruch und zu seinem christlichen Auftrag stehe. Moderator Fritz Frey sprach von Ausbeutung und Lohndumping. Einerseits klage die Kirche öffentlich andere Arbeitgeber an, deren Lohnzahlungen deutlich unter dem Existenzminimum liegen. Andererseits beschäftige sie selbst, insbesondere in der Diakonie, Menschen, die ohne Zuzahlungen aus den Sozialkassen nicht von ihrem Gehalt leben können. Hartz IV trotz Arbeit bei einem kirchlichen Träger? Das passt nicht zusammen, resümierte Report.
Richtig ist: die in der Diakonie gezahlten Vergütungen liegen, wie übrigens auch im öffentlichen staatlichen Dienst, vor allem bei einfachen Tätigkeiten in vielen Fällen unter dem Lebensnotwendigen. Der nordrhein-westfälische Sozialbericht beziffert einen Stundenlohn von 9,83 Euro als Armutsrisikogrenze; ungelernte Mitarbeitende in der Familien- und Altenpflege kriegen 9,44 Euro und Hauswirtschaftskräfte ohne Ausbildung bloß 7,71 Euro.
Gerecht ist das gewiss nicht; erst recht nicht nach den Maßstäben der Kirche. Muss das so sein? Darf es sein? Diakoniepräsident Klaus-Dieter Kottnik sagt: Die Alternative wäre, und das ist ein Gewissenskonflikt, die Alternative wäre zu sagen, wir machen die Arbeit gar nicht mehr. Wir geben sie auf. Und auch das ist leider richtig.
Warum? Schon längst wird die kirchliche Veranstaltung Diakonie nur noch zum geringsten Teil aus kirchlichen Mitteln finanziert. Diakonie lebt wie jede Form der Sozialwirtschaft von den Vergütungen, die Bund, Länder und Gemeinden oder die Gesundheits- und Pflegekassen zahlen. Und die liegen längst weit unter dem, was die tariflichen Entlohnungen kosten. Der Sozialstaat spart. Und die Diakonie spart notgedrungen mit. Gemessen an ihren eigenen Ansprüchen fällt es der Diakonie deshalb nicht immer leicht, ein glaubwürdiger Arbeitgeber zu sein: Sie muss ernsthaft nach ihren Schmerzgrenzen fragen, wenns um gutes Geld für gute Arbeit geht. Also hinschmeißen den ganzen Kram? Die Kindererziehung, die Drogenhilfe und die Altenpflege in die Hände von privaten Billiganbietern legen? Klar, die Diakonie hätte dann ein reines Gewissen. Aber gerechter ginge es gewiss nicht zu. Und höhere Löhne würden auch nicht bezahlt.
Was also tun? Natürlich ist es richtig, gerade die Sozialarbeit der Kirche kritisch nach dem Verhältnis von Anspruch und Wirklichkeit zu fragen. Das war auch schon für Johann Hinrich Wichern eine zentrale Frage. Darüber hinaus aber wurde er nicht müde, die öffentliche soziale Verantwortung einzuklagen. Und so wird es auch heute nicht gerecht zugehen können, wenn ein Staat, der sich sozial nennt, immer weniger Geld in seine Sozialsysteme steckt.
Zweihundert Jahre Wichern - Gerechter Lohn im kirchlichen Dienst
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