Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.06.08, Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

Schrei nach Liebe

Musik: Schrei nach Liebe, von Die Ärzte aus: LC-Nr.: 01515Musik: Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe, Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit.

Du hast nie gelernt, dich zu artikulieren.

Autorin: Der Schrei nach Liebe – mit diesem Song feierte die Berliner Punkband Die Ärzte ihr comeback. Das war vor fünfzehn Jahren 1993. Damals als Neonazis eine ganze Reihe gewaltsamer Anschläge auf Ausländer verübten. In Solingen, Rostock, Mölln...

Musik: Und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit. Arschloch

Autorin: Öffentlich beschimpft wird hier ein Neonazi. Weshalb die Sendeanstalten der ARD den Titel zunächst nicht senden wollten. 

Musik: Deine Gewalt ist nur einstummer Schrei nach Liebe.

Autorin: Das klingt zunächst paradox. Dass ausgerechnet derjenige, der schlägt, würgt und vielleicht sogar tötet sich eigentlich nach Liebe sehnt. Das gilt für den Neonazi, aber nicht nur für ihn. Sondern auch für die vielen anderen,die gewalttätig sind. Die es heimlich tun. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit. So wie Emma. Ihr sieht man es nicht an mit der Gewalt. Sie ist das was man gut situiert nennt. Nach außen ist alles normal. Um nicht zu sagen bestens. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und ein Häuschen. Doch Emma ist gewalttätig. Gegen ihre Kinder. Manchmal – dann wenn „es“ mal wieder über sie kommt. Und sie nicht genau weiß warum. In ihrem tiefsten Innern aber ist sie verdammt allein und voller Sehnsucht. Auch nach Zärtlichkeit. So wie der da – der Nazi von den Ärzten.

Musik: Weil Du Probleme hast, die keinen interessieren, weil du Schiß vorm Schmusen hast, bist du ein Faschist. Du musst Deinen Selbsthass nicht auf andere projeziern, damit keiner merkt, was für ein lieber Kerl du bist.

Autorin: Sich selbst zu lieben, wie soll das gehen? Emma sagt: sie sei nie geliebt worden, wie soll sie sich selber lieben? Gedemütigt worden sei sie von klein auf. Mit Worten und mit Schlägen. Schweres Geschütz habe man gegen sie aufgefahren – ihre Wunden seien nie verheilt. Es fehle nicht viel, um sie wieder aufzureißen. Um wieder erinnert zu werden an diese verdammte Ohnmacht, die sie als Kind so oft erlebt habe. Und an die ihre Kinder sie beinahe täglich erinnern. Wenn sie mal wieder wie am Spieß schreien, partout nicht hören wollen und ihr auch schon mal den Mittelfinger zeigen.

Musik: Du bist wirklich saudumm, darum geht’s dir gut. Hass ist deine Attitüde, ständig kocht dein Blut.

Autorin: Gerne wäre sie ihn los. Den Hass auf sich selbst und alle anderen. Doch wie soll das gehen? Ganz einfach, indem sie sich Hilfe holt. Zum Beispiel in einer kirchlichen Beratungsstelle. : Indem sie sagt: Ok, ok , ich bin ganz allein verantwortlich für mich und mein Tun – und ab jetzt werde ich was ändern, mein Leben selbst in die Hand nehmen. Denn: auch ich bin ein geliebtes Geschöpf Gottes, geschaffen, um zu lieben. Mich selbst und andere.

Musik: instrumental

Audiobeitrag Schrei nach Liebe


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen