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"Der Kämmerer aus dem Mohrenland"
Der Kämmerer aus dem Mohrenland. Diese Überschrift in der Lutherbibel zur dramatisch-schönen Geschichte ist schon uralt. Was ist ein Kämmerer? Und was ist ein Mohr?
Gute Fragen für Günter Jauchs Ratesendung. Aber besser, ich erzähle Ihnen die ganze Geschichte, und was sie heute für Gedanken in mir auslöst.
Guten Morgen, verehrte Hörerinnen und Hörer. Ich bin Hans Dieter Osenberg und lebe als Ruhestandspfarrer in Saarbrücken.
1. MUSIK: Saxofon-Ensemble Quintessence: Great Bop Fugue
Der Kämmerer aus dem Mohrenland also: Philippus, ständig unterwegs, um Jesus von Nazareth bekannt zu machen, empfängt eine Nachricht. Der Geist Gottes schickt ihn an die Wüstenstraße Jerusalem Gaza. Gaza? Ja, genau das Gaza, in dem heute der israelisch-palästinensische Konflikt tobt.
Kaum ist Philippus dort, nähert sich ein Gefährt. Der Finanzminister aus Nubien kommt vorbei. Nubien ist so ungefähr das heutige Äthiopien. Und die Herrscher dieses Reiches schwarzhäutiger Menschen deshalb Mohrenland waren im 1. Jahrhundert n. Chr. Immer weiblich, Kandake war ihre generelle Amtsbezeichnung. Die Frauen von heute wird´s verblüffen. Der Kämmerer im Kabinett der Kandake so nannte man damals den Finanzminister verwaltete den ganzen Kronschatz.
Der Minister kommt gerade aus Jerusalem. Keineswegs dienstlich war er dort, nein, in höchst eigenem Interesse. Irgendwie muss er von dem Gott Israels gehört haben, der in seinem Tempel kein Bildnis duldet. Dort wollte er anbeten, 2000 km Entfernung zum Trotz. Genügte ihm seine heimische Religion nicht? Haben ihm vielleicht jüdische Gastarbeiter zu Hause ihre schönen Psalmen vorgesungen? Alles unbekannt.
Bekannt ist nur etwas sehr Persönliches: Der Minister ist entmannt, er ist ein Eunuch. Fistelstimme und die bekannten körperlichen anderen Merkmale. Das waren die Nachteile eines Regierungsamtes bei der Kandake: Nur ja kein Sicherheitsrisiko eingehen, Intimitäten gar nicht erst aufkommen lassen. Die politische Karriere kostete in jedem Fall die Männlichkeit.
Ob das alles mit im Spiel war, dass sich die Hoffnungen des Ministers in Jerusalem nicht so erfüllten, wie er dachte? Wurde er im Tempel vielleicht nur als Gast geduldet oder gar abgewiesen? Sehr gut möglich. Doch war er beim Kultus nicht willkommen, so hat er sich wenigstens für unterwegs ein Bibelbuch gekauft und liest darin.
Philippus sieht es und tritt an den Wagen: Verstehst du auch, was du liest? Gute Frage, sagt der Minister: Sage mir jemand, was das hier zum Beispiel bedeuten soll und er zitiert eine Stelle vom Gottesknecht beim Propheten Jesaja, der wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt wird. Ich bitte dich, sagt der Minister, von wem redet der Prophet da? Von sich selbst? Von einem anderen? Erklär´ mir´s!
Philippus steigt ein und dann gibt´s eine kleine Bibelstunde, mitten auf der Wüstenpiste. Philippus, sicher ein kräftiger junger Mann und der kleine Afrikaner, hohe Stimmlage, ein bisschen feminin, miteinander im Gespräch. Ein nubischer Minister lernt den Messias Jesus kennen. Von einem jüdischen Christen.
Eine Wasserstelle wird am Straßenrand sichtbar. Spricht irgendetwas dagegen, dass du mich jetzt taufst, jetzt sofort? fragt der Reisende. Nein, überhaupt nicht! Beide steigen ins Wasser und Philippus tauft ihn. Mobile Kircheneintrittstelle in der Wüste.
Der Minister will Philippus noch danken. Aber der ist schon verschwunden. Und er selbst? Die Geschichte weiß nichts mehr von ihm. Nur den einen Satz: Voller Freude fuhr er weiter. Oder wenn Sie´s lieber mit Martin Luther hören wollen: Er zog aber seine Straße fröhlich.
Soweit die Geschichte. Kein Stäubchen drauf vom Werktag dieser Welt, hat jemand gesagt, zu schön, um wahr zu sein. Da bin ich anderer Meinung. Nach der Musik will ich sagen, warum.
2. MUSIK: Saxofon-Ensemble, Great Bob Fugue, Fortsetzung
Es sind vier Gedanken, die sich mir bei dieser frühen Taufgeschichte aufdrängen:
Erstens: Es sind viel mehr Menschen auf der Suche nach Sinn, als man denkt, viel mehr! Und sie kommen oft wer weiß wo her, nehmen dafür die abenteuerlichsten Wege in Kauf. Weiß der Himmel, was den Anstoß gab. Aber sie wollen´s wissen, dringend. Es ist nicht immer die ausdrückliche Frage nach Gott. Aber sie wünschen sich Wärme, Geborgenheit, Orientierung im Leben und Trost im Sterben.
Soll sich doch niemand ins Bockshorn jagen lassen, von schwach besuchten Gottesdiensten oder antikirchlicher Häme in der Öffentlichkeit. Die Konzerte mit Oratorien und Kantaten Johann Sebastian Bachs sind proppenvoll, und auch die Texte der Pop-Songs sind oft gesättigt mit Sehnsucht. Im Chatroom des Internets, so höre ich, sind jeden Abend fünfzig seelsorgerlich Ratsuchende keine Seltenheit. Alles späte Nachfolger des Kämmerers aus dem Mohrenland. Jede Christengemeinde lebt inmitten von zigtausend Fragen: Wie kann ich glücklich leben und ohne Angst sterben?
Zweitens: 4000 km Fahrt, der Tempel in Jerusalem, ein kostbares Bibelexemplar alles hätte den Reisenden aus Nubien nicht zum Ziel gebracht, wenn er keinen Dialogpartner gefunden hätte. Glaube ereignet sich im Gespräch. In der Kommunikation, auch in der Kommunion. Er entsteht im Zuhören und Streiten, im Fragen und Argumentieren. Und Angst verliert sich, wenn man Begleitung hat. Die Bibel ist ein Buch der Gemeinschaft, nicht nur der privaten Erbauung. Jeder braucht einen, der ihn nicht von oben herab belehrt, sondern einen, der zu ihm ins Haus kommt oder in den Garten, ans Krankenbett oder ins Kinderzimmer. Und umgekehrt: Auf jeden wartet jemand, dem er sich zuneigen soll. Manchmal wirklich zu einer Bibelerklärung, zu einem Gespräch über Gott, oft aber einfach zum Verstehen, zum Nahesein, zur Lebenshilfe.
3. MUSIK: Saxofon-Ensemble, Great Bob Fugue, Fortsetzung
Ein dritter Gedanke zur Geschichte von Philippus und dem afrikanischen Minister: Man amüsiere sich bitte nicht über ihre legendenhaften Züge! Natürlich, die gibt es zuhauf. Der Geist schickt Philippus genau zum rechten Zeitpunkt an die Straße, im entscheidenden Augenblick ist Taufwasser vorhanden, und anderes mehr. Der Verfasser der Apostelgeschichte, der die Begebenheit berichtet, war schon ein exzellenter Kompositeur.
Aber wo Gott beim Menschen an´s Ziel kommt, wo Glaube geweckt wird, da sind immer unerklärliche Dinge im Spiel. Überraschende Situationen, unverhoffte Menschen. Und je mehr die Volkskirche von früher entschwindet, in die meine Generation noch hineingetauft wurde, um so mehr werden wir uns noch wundern, auf was für irrationalen Wegen Menschen zum Glauben und zur Taufe kommen.
Viertens und letztens: Der nubische Minister war stigmatisiert. Entmannt, nicht ehefähig, ohne Familie. Die Christengemeinde heute wird gefragt: Wie begegnet sie dem Andersartigen, dem anders fühlenden, dem Fremden? Werden da erst mal unsere Regeln abgerufen? Müssen die erst mal leben wie wir? Fremde machen Angst. Aber der auf den Wagen aufspringende Philippus macht Mut. Hört erst mal, warum sie so denken, so fühlen, einen anderen Lebensstil haben! Schlagt Löcher in eure Wände, eure Vor-wände! Das Familienbild der CDU ist ein Vorschlag, aber doch kein Maßstab.
Mitten in der Geschichte gibt es übrigens ein nettes Beispiel für besorgte Korrektheit. Eine spätere Generation hat einfach einen zusätzlichen Vers hineingefummelt. Man war nicht damit einverstanden, dass Philippus den Minister so mir nichts dir nichts tauft. Da musste unbedingt noch das zu jener Zeit gültige Taufbekenntnis hineingeschoben werden. Aber so geht´s eben nicht zu bei Gott, der das in Jerusalem ausgebliebene Wunder dem Minister einfach mitten auf der Wüstenpiste passieren lässt. Und wenn sich der Vatikan auf den Kopf stellt wenn die gegenseitige Gastfreundschaft beim Abendmahl dran ist, dann ist sie eben dran und geschieht. Ganz von selbst, sanft und von unten.
Der Kämmerer aus dem Mohrenland. Wer sich Jesus von Nazareth anvertraut, durch ihn den göttlichen Vater kennen und lieben lernt, der hat allen Anlass, seine Straße fröhlich zu ziehen. Durch die kommende Woche, durch das weitere Leben und bis in den Tod. Aber geben Sie acht darauf, wo Sie als Philippus gebraucht werden, oder als Philippa!
Noch einmal das Saxofonensemble Quintessence mit seiner Bach-Fuge im Jazz-Sound und damit verabschiedet sich Hans Dieter Osenberg aus Saarbrücken.
4. MUSIK: Saxofon-Ensemble, Great Bob Fugue, Fortsetzung
Musiknachweis: cpo 999 587 2 LC 8492 Jazzentials of Bach Quintessence Saxofon Quintett Nr. 9 Great Bob Fugue in D major
"Der Kämmerer aus dem Mohrenland"
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