| |
"Vater unser ... dein Reich komme"
Liebe Hörerinnen und Hörer. Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. So lautet der zweite Satz des Vater unsers,
des wohl bekanntesten Gebetes überhaupt. Ich bin kein Fan deutscher Fernsehunterhaltung und was im Privatfunk so als Casting - Shows gesendet wird, erregt eher mein Mitleid mit den armen Menschenkindern, die hier ihren Drang zur Selbsterniedrigung öffentlich ausleben. Und die Damen und Herren Juroren sind mir unsympathisch. Herr Bohlen etwa hat sich in dieser Rolle noch nie durch besondere Feinfühligkeit hervorgetan. Vielleicht kann man ihm zugute halten, dass seine lieblose Kritik die Karrierehoffnungen talentfreier Kandidaten so nachhaltig auslöscht, wie ein Eimer eiskalten Wassers ein glimmendes Kerzenlicht.
Wirklich überrascht war ich, als ich von ihm hörte, dass er täglich betet. Zunächst dachte ich: Na, viel genützt hat das Beten ja offensichtlich nicht. Aber nachdem sich meine Spottlust gelegt hatte, stieg ich schnell von meinem hohen geistlichen Ross herunter. Was für Spuren hat denn mein Beten in meinem Leben hinterlassen? Bin ich denn heilig geworden dadurch, oder wenigstens ein liebenswerter Mensch? Meine privaten Gebete drehen sich doch meistens um mich, um meine Wünsche, um meine Sorgen. Und die kommen auch sehr schnell zur Sprache.
Das Vater unser hat eine ganz andere Blickrichtung. Es erhebt den Blick derer, die es bewusst beten zunächst einmal von den eigenen Belangen auf Gott und sein Reich. Sein Reich soll kommen, sein Wille soll geschehen und zwar auf Erden in derselben Ausschließlichkeit, wie wir das im Himmel vermuten dürfen. Es ist zwar das berühmte stille Kämmerlein, in dem das Vater unser gebetet werden soll, aber der Beter steht immer auch für andere bittend vor seinem Vater im Himmel. Mir begegnen ja nicht nur Kirchgänger und ich spreche relativ oft mit anderen über den Glauben.
Nicht wenige sagen mir: Ich glaube auch an Gott, mit der Kirche kann ich leider nichts anfangen. Viele beten auch, selbst wenn sie keine konkretere Vorstellung davon haben, zu wem sie beten. Natürlich kann man ein Gebet auch als heilsames Mittel zur Selbstreflexion verstehen. Und das meditative Betrachten seiner Sorgen und Befindlichkeiten hat sicherlich seinen Wert in sich. Aber Kinder Gottes reden im Gebet mit ihrem Vater im Himmel und sie unterstellen ihr Wohl und Wehe seinem Willen, ja seiner Liebe.
Das ist noch mehr. Ich bin regelmäßig überrascht, wie viele mich bitten, für sie zu beten. Natürlich wird es auch nicht wenige geben, die milde lächeln darüber, dass man an so etwas wie einen Gott heute noch glauben kann. Aber ich entdecke viel öfter eine Sehnsucht danach, selbst glauben zu können und sich selbst mit all seinen Fragen und Sorgen Gott anvertrauen zu können. Und das ist ja auch ein ungeheures Vorrecht, mit allem, was einen bewegt vor Gottes Angesicht treten zu dürfen. Und eben auch mit den Sorgen und Lasten anderer für sie bittend vor Gott kommen zu dürfen. Ein höherer Mitarbeiter in einem Ministerium berichtet mir einmal ganz stolz davon, dass er ein Vortragsrecht bei seinem Minister habe. Er darf also direkt mit diesem hohen Herren sprechen, was für ein Privileg.
Gottes Kinder haben ganz andere Möglichkeiten, als mit irgendeinem Provinzpolitiker zu diskutieren. Sie dürfen jederzeit und mit allem vor dem Allerhöchsten erscheinen. Das ist schwer zu glauben. Aber recht leicht zu bewerkstelligen. Das Vater unser hat nicht mehr als 63 Worte. Wer es bewusst spricht, begegnet Gott, seinem Reich und seinem Willen. Mein Leben soll unter Gottes Willen stehen. Das ist die Grundhaltung derer, die das Vater unser beten.
"Vater unser ... dein Reich komme"
|